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© atelier olschinsky
Ansicht des Schatzfundes Wiener Neustadt.

Ring mit Karneol, Ringplatte und Inschrift + Adonay + Agla, Material: Silber, Karneol.

Ring mit Saphir in Zargenfassung und Tierprotomdekor,Material: Silber, vergoldet, Saphir.

Vürspan, Silber vergoldet,Korallen.

© (4) Bundesdenkmalamt/Land NÖ/Franz Sigmeth

Ring mit Saphir und Granaten, Material: Silber, vergoldet.

© MAMUZ

Blick in die Ausstellung.

 
Leben 28. April 2014

Fundsache

Auf eigenem Grund und Boden einen Schatz zu finden, davon träumen viele. Manchmal gelingt dies, wie der Schatzfund von Wiener Neustadt eindrucksvoll beweist. Seit Kurzem ist er nun im Museum „Mamuz“ in Schloss Asparn an der Zaya ausgestellt.

Das Mittelalter ist reich an architektonischen Zeugnissen, auch Bodenfunde, die über das Alltagsleben Auskunft geben, werden gelegentlich entdeckt. Sehr selten hingegen ist ein Schatzfund wie der von Wiener Neustadt in Niederösterreich.

Seit Mitte des 14. Jahrhunderts lag er dicht unter der Grasnarbe im Boden, gut verborgen. Wie und warum dieses Konvolut an Schmuckstücken, seltenen Gewandspangen und Gefäßteilen versteckt wurde – vermutlich in einem hölzernen Behältnis – wird sich wohl nie eindeutig klären lassen. Auch die Frage nach seinem ursprünglichen Besitzer wird wohl unbeantwortet bleiben müssen. Sehr hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Goldschmied war, der diesen „Schatz“ vorübergehend verbergen musste und ihn, aus welchen Gründen auch immer, später nicht mehr an sich nehmen konnte. Reisen war in diesen Zeiten riskant, die Wege waren schlecht und die Wahrscheinlichkeit überfallen zu werden groß. Beim ehemaligen Besitzer wird es sich daher vielleicht eher um jemanden gehandelt haben, der sich nicht auf Wanderschaft befand, der aber sehr wohl Einiges an wertvollen Stücken, dazu Bruchstücke von Gefäßen aus Edelmetall, gehortet hat, um diese weiter zu verkaufen und oder auch neuen Schmuck zu fertigen. Zumindest lässt die Zusammensetzung der Objekte des Schatzfundes aus Wiener Neustadt diesen hypothetischen Schluss zu.

Jahrelang vergessen

Die Fundumstände, wie sie im Vorbericht von Mag. Nikolaus Hofer/ Bundesdenkmalsamt wiedergegeben werden, könnten Skeptiker nachdenklich stimmen. Der Finder hat nämlich angegeben, im Jahr 2010 beim Anlegen eines Biotops auf seinem Grundstück nördlich des Stadtzentrums von Wiener Neustadt auf die in lehmigem Erdreich eingebetteten Metallobjekte gestoßen zu sein. Seinen Fund hätte er wegen eines Gewitters nur rasch geborgen, ihn in den Keller verfrachtet und dort zunächst vergessen. Beim Räumen des Kellers drei Jahre später seien die Fundstücke wieder aufgetaucht und das Bundesdenkmalamt, Abteilung Bodenfunde, eingeschaltet worden.

Bei einer ersten Sichtung der stark verschmutzen Stücke ließ sich bereits erahnen, um welch sensationellen Fund es sich hier handelte. Insgesamt waren 217 Einzelobjekte mit einem Gesamtgewicht von etwa 2.290 Gramm geborgen worden. Nach der Sichtung konnte im Zuge der Katalogerstellung durch Marianne Singer festgestellt werden, welche der zahlreichen Fragmente zusammengehörten. Die tatsächliche Objektanzahl liegt darum nun bei etwa 140, davon sind 40 Objekte in nahezu unversehrtem Zustand erhalten. Die größte Gruppe bilden hierbei die Ringe, gefolgt von Spangen, den sogenannten „Vürspanen“, Gefäßen, Trachtbestandteilen und Löffeln.

ei den Fundstücken handelt es sich um feuervergoldete Silberobjekte. Die Ringe sind sehr unterschiedlich ausgeführt, neben solchen mit Ringplatten und gefassten Farbsteinen kommen auch figurale Darstellungen wie etwa Tierköpfe vor. Die Ringplatten hingegen tragen heraldische Motive, aber auch Inschriften, die laut Marianne Singer auf Segens- oder Liebessprüche deuten. Treue und Loyalität kommen in Motive der einander gereichten Hände zum Ausdruck. Auffällig ist die hohe Qualität der Fertigung, wiewohl nicht sicher ist, dass alle Stücke von ein- und demselben Meister stammen. Die Schmuckstücke tragen stilistische Merkmale, die eine Zuordnung zum mittel- und osteuropäischen Raum plausibel erscheinen lassen. Dennoch gibt es auch Stücke, deren Stil eher westeuropäisch geprägt ist. Neben den Ringen bilden die Spangen in einfacher bis äußerst prunkvoller Ausführung mit Farbstein- oder Korallenbesatz die historisch bedeutendste Gruppe. Aus der Zeit des Mittelalters gibt es hierzu kaum Vergleichsbeispiele.

Wiener Neustadt als Zentrum

Ab Beginn des 13. Jahrhunderts nahm Wiener Neustadt als wichtigstes Zentrum im südlichen Niederösterreich seit der Gründung durch die Babenberger einen stetigen Aufschwung. Nächstgelegen waren das Herzogtum Steiermark und das Königreich Ungarn. Nach unruhigen Zeiten förderte König Rudolf von Habsburg durch Mautfreiheit, geringere Steuerforderungen und das Marktrecht die wirtschaftliche Blüte der Stadt, die seit dem Frieden von Ofen 1254 zum Herzogtum Österreich unter der Enns (heute Niederösterreich) gehörte. Durch seine günstige Lage an der Fernhandelsroute Wien-Venedig begann die Stadt zu prosperieren und behielt trotz Missernten und Pest ihre wirtschaftliche Stabilität. Unter solchen Umständen konnte der erworbene Reichtum durchaus zur Schau gestellt werden. Für einen ansässigen Goldschmied boten sich damit durchaus günstige Arbeitsbedingungen. Die Menge an fragmentarisch erhaltenen Objekten lässt vermuten, dass das Edelmetall für Reparaturen und Neuanfertigungen von repräsentativen Schmuckstücken gedacht war. Für einen Goldschmied war der Schutz, den die Stadt bot, sicher wesentlich. Die Nähe zu herrschaftlichen Burgen und Stiften wie Heiligenkreuz mag ein weiterer Grund für diesen Kunsthandwerker gewesen sein, sich in Wiener Neustadt anzusiedeln, um an diesem Knotenpunkt des Fernhandels Schmuckstücke und Silberwaren anzubieten oder auch Reparaturen auszuführen.

Edelmetall war damals wie heute für einen Gold- oder Silberschmied Arbeitsgrundlage und Vermögenswert. Interessanterweise gibt es keine einzelnen Farbsteine im gesamten Bestand des Schatzfundes. Warum, das ist nur eine jener unbeantworteten Fragen, die der Schatzfund von Wiener Neustadt aufwirft. Aber auch das macht neben den spektakulären Schmuckstücken den Reiz dieser Ausstellung aus.

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