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Leben 17. April 2014

Henne oder Ei

Nach Ostern müssen wir nicht nur die metabolischen Kollateralschäden unserer Patienten beheben, wir kommen auch ein wenig ins Philosophieren.

Das Osterfest veranlasst viele Menschen, sich Gedanken zu machen über Religion, Leben und Sterben, die Existenz malender Hasen oder darüber, ob es sich bei der Verfilmung von Ben Hur um einen Osterschinken handelt. Man kann auch versuchen, die alte Frage zu klären, ob denn nun die Henne oder doch das Ei zuerst da war, so man davon ausgeht, dass es nicht vom malenden Hasen gelegt wurde.

Ein philosophischer Exkurs, der in viele Lebensbereiche hineinreicht. Was war zuerst da: Das Licht oder die Finsternis? Das Auto oder der Schlüssel? Sir Edmund Hillary oder sein Scherpa Tenzing Nogay? Und für uns besonders interessant: Der Arzt oder der Patient? Eine Frage, die nicht so abwegig ist. Zwar kann man annehmen, dass ein Arzt erst dann benötigt wird, wenn ein Mensch krank geworden ist. Also muss der Patient zuerst da gewesen sein. Doch wer erklärt einen Menschen zum kranken Menschen, und damit zum Patienten? Natürlich ein Arzt, der geduldig gewartet hat, bis ein Mitmensch gewisse Symptome zeigt, die dem Arzt zur Schlussfolgerung führen, daraus eine Diagnose und damit aus dem Menschen einen Patienten zu machen. Insofern muss es zuerst den Arzt gegeben haben.

Wir stellen uns heute auch oft die Frage: War zuerst die Krankheit da oder die Diagnose? Denn natürlich muss jemand mal krank sein, um Symptome zu zeigen, die eine Diagnose ermöglichen. Doch man kann auch einen Menschen ohne Symptome eine Diagnose vor den Latz knallen, sodass er alleine durch die Diagnose von einem auf den anderen Tag von einer mutmaßlich gesunden Person, nach den strengen ICD-Leitlinien, zum behandlungsbedürftigen Patienten wird.

Und war zuerst die Heilung da oder die Therapie? Alleine die zeitliche Abfolge sagt nichts aus. Denn es kann durchaus sein, dass ein Patient bereits beim ersten Arztbesuch am besten Weg der Genesung war und die vom Mediziner verordnete Therapie auch nichts dagegen ausrichten konnte. Und was war früher da? Die ärztliche Kunst oder der ärztliche Kunstfehler? Die Logik gebietet, dass es vor dem Fehler die Kunst gegeben haben muss, doch nur Fehler können aus einer plumpen Versuchs-Irrtum-Behandlung eine gute Therapie entstehen lassen. Also beginnen wir stets mit den Fehlern.

Wir wissen heute aus verlässlichen Quellen, dass zuerst die Ärzte, dann erst die Krankenkasse da war; zuerst der Blutdruck, dann das Messen, zuerst das Spitalsessen, dann die Übelkeit. Doch meistens lässt sich keine Kausalkette herstellen, Dinge passieren einfach. Es lebe das Chaos.

Und zum leidigen Henne-Ei-Dilemma sei aus ärztlicher Sicht gesagt: Solange die Henne versichert und das Ei geimpft ist, ist alles gut.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 17/2014

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