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© Christian P Schmieder
Originaluniform aus dem Ersten Weltkrieg und Projektion Installation & Ausstellungsgestaltung: unodue
© Robert Musil Literatur Museum, Klagenfurt

Robert Musil mit seinen Auszeichnungen, um 1918

 
Leben 28. April 2014

Im Schatten des Krieges

Im Literaturhaus in München findet derzeit die Ausstellung „Der Gesang des Todes. Robert Musil und der Erste Weltkrieg“ statt.

Musils Erlebnisse an der italienisch-österreichischen Front haben in Briefen, Tagebuchnotizen und auch literarisch ihre Spuren hinterlassen.

Diese Ausstellung (bis 22. Juni 2014) dokumentiert Robert Musils Erleben des Ersten Weltkrieges. Sie ist organisiert gemeinsam mit dem Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol und wird unterstützt durch das Robert Musil Literatur Museum und die internationale Robert Musil Gesellschaft, die beide ihren Sitz in Klagenfurt haben.

In einer seiner Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahre 1915 hielt Robert Musil folgendes fest: „Krieg. Auf einer Bergspitze. Tal friedlich wie auf einer Sommertour. Hinter der Sperrkette der Wachen geht man wie (ein) Tourist.“ Die äußerst verlustreichen Materialschlachten am Isonzo und der Hochgebirgskrieg entlang der österreichisch-italienischen Front waren da noch fern. Die Meldungen von den Kämpfen in Galizien und an der Westfront zeichneten jedoch bereits ein düsteres Bild.

Musil hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Nicht ungewöhnlich, stammte der gebürtige Klagenfurter als einziges Kind des Ingenieurs und Hochschulprofessors Alfred Musil und dessen Frau Hermine aus einer großbürgerlichen Familie, in der die Militärlaufbahn zunächst vorgezeichnet schien. Mit elf Jahren kam er in die Militärrealschule in Eisenstadt, zwei Jahre später auf die Kadettenschule in Mährisch-Weißenkirchen. Was dies für einen Buben seines Alters bedeutete, lässt sich aus heutiger Sicht kaum ermessen. Die strenge Ausbildung war eine Mischung aus demütigendem Drill und unerbittlichem militärischen Reglement. Kein Wunder, dass diese militärische Erziehung auch bei Musil Spuren hinterließ, die er in seinem Erstlingsroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ literarisch verarbeitete.

Und doch blieb Robert Musil der militärischen Tradition in seiner Familie zunächst treu und begann an der Technischen Militärakademie in Wien mit dem Studium. 1898 entschied er sich jedoch gegen die militärische Laufbahn und setzte das Ingenieurstudium in Brünn fort. 1903 studierte Musil Philosophie und Psychologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Dort heiratete er auch die geschiedene Malerin Martha Marcovaldi, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte.

Musil durchlebte erste Schaffenskrisen, sein Vater der ihn bis dahin finanziell unterstützt hatte, zwang ihn nun eine Stelle als Bibliothekar in Wien anzunehmen. Doch Musil beugte sich dessen Willen nur vorübergehend: Er kündigte und zog mit seiner Familie wieder nach Berlin, um dort das Angebot des Verlegers Samuel Fischer als Redakteur der „Neuen Rundschau“ anzunehmen.

Trügerische Begeisterung

Bei Kriegsbeginn stimmte er zunächst in die Kriegsbegeisterung ein: „ Wir haben nicht gewußt, wie schön und brüderlich der Krieg ist“. Dann regte sich Nachdenklichkeit: „ Gewiß, wir wollen nicht vergessen, daß stets auch die andern das gleiche erleben; wahrscheinlich sind die, welche drüben unsere Freunde waren, genauso in ihr Volk hineingerissen.“ Am 20. August kehrte Robert Musil nach Österreich zurück und rückte als Reserveoffizier zum Landsturm in Linz ein. Unter seiner Führung wurde die 1. Kompanie des 24. Landsturm-Marschbataillons zur Grenzsicherung nach Südtirol an den Ortler abkommandiert. Die Ruhe und Idylle, weit weg von Frau und Familie, in der Abgeschiedenheit der Berge trog, auch wenn Musil in einem Brief vermerkte: „Ich stecke rings im Schnee, Ski sind mir an den Füßen gewachsen und meine Prophezeiung, daß ein so weites Wegsein von der Welt – denn ich fange an zu bemerken, daß das mit meinem Begriff von Glück identisch ist – nicht mehr von langer Dauer sein kann, scheint sich auch zu erfüllen.“

Erlebnisse an der Front

Beim Kriegseintritt Italiens im Jahr 1915 befand er sich in Palai im Fersental. Noch verfolgte Musil die Kämpfe aus der Distanz. Seine Eindrücke und Empfindungen verarbeitete er später in der 1921 erschienen Novelle „Grigia“. So fern der Krieg jedoch zunächst schien, er rückte unerbittlich näher. Bei den Kämpfen in der Nähe des Fort Tenna am Caldonazzo-See verfehlte ein beim Angriff einer italienischen Flugzeugstaffel abgeworfener dünner Metallstab, ein sogenannter „Fliegerpfeil“, Musil nur um Haaresbreite. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Ende November wurde er nach Prvacina südlich von Görz abkommandiert und erlebte dort hautnah an vorderster Front die mörderische vierte von insgesamt zwölf Isonzo-Schlachten.

Im Jahr 1916 erkrankte Musil schwer, nach seiner Genesung wurde er Redakteur der (Tiroler-)Soldatenzeitung, bevor er nochmals an die Isonzo-Front versetzt wurde. Nach seiner Beförderung zum Landsturm-Hauptmann wurde Musil im Kriegspressequartier mit der Herausgabe der „neuen patriotischen Wochenschrift“ – „Heimat“ – betraut. Das Ende der Habsburger Monarchie und des Traums von einer Verwirklichung der paneuropäischen Idee quittierte Musil im Jahr 1919 desillusioniert mit der Bemerkung: „Können Utopien plötzlich Wirklichkeit werden? Ja. Siehe den Kriegsschluß. Beinahe wäre eine andere Welt dagewesen. Daß sie ausblieb war keine Notwendigkeit.“

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