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Leben 11. April 2014

Laufende Städte

City-Marathons erfreuen sich großer Beliebtheit. Nicht nur aufgrund der sportlichen Betätigung.

Dieser Tage sieht man inmitten der großstädtischen Idylle der Faulheit viele laufende Menschen. Sie sind das personalisierte rennende schlechte Gewissen einer vielleicht nicht ganz so sportlichen breiten Bevölkerung. Während man selbst fluchend in seinem Auto im Stau steht, joggen links und rechts Leute vorbei, die für den Marathon trainieren, und ermahnen dazu, selbst auch wieder einmal …, vielleicht schon bald ..., aber sicher noch dieses Jahr ..., allerspätestens aber im neuen Jahr, als guter Vorsatz ..., zum Glück geht’s da vorne schon wieder weiter und ich kann diese dämlichen Jogger mit ihren dämlichen drahtigen Figuren überholen, diesen Anblick hält ja keiner aus.

Ärzte, die über der Behandlungsliege im Herrgottswinkel ein gesticktes Bildchen mit „Das Wohl meiner Patienten ist mir heilig“ hängen haben, sind hoch erfreut über die Motivation ihrer Schäfchen, Sportmediziner haben keinen Platz für solche Bildchen, da sie mehrere Behandlungsliegen übereinander stapeln müssen, wenn die Marathon-Versehrten in die Ordination humpeln.

40.000 sind in Wien am Start. Die Daheimgebliebenen picken Meldungen über Gesundheitsrisiken durch exzessives Laufen akribisch aus den Zeitungen heraus und begründen ihre Zurückhaltung mit den nachgewiesenen Schäden an den Gelenken und überhaupt ist schon mal einer umgefallen bei so einem Rennen. Das kann natürlich nicht passieren, wenn man sich zu Hause die Übertragung des Stadtmarathons ansieht, denn da liegt man ja schon. Nicht umsonst heißt es, das Ungesündeste am Marathon sei der Marathon selbst.

Natürlich geht es bei diesen mittlerweile zu Mega-Events mutierten Veranstaltungen ums Laufen. Aber um diese gewaltige Menge an lauffreudigen Menschen zusammenzubekommen, braucht es schon ein wenig mehr. Es geht um den „Event“, die Stimmung und die Tatsache, dass man für die nicht gerade preiswerten Startgebühren zur Stärkung halbe Bananen gratis am Straßenrand bekommt. So sie nicht schon aufgefuttert sind. Man singt gemeinsam die Bundeshymne, es wird angefeuert, es herrscht Jahrmarktstimmung, ein riesen Spektakel eben.

Und die Menschen lieben Spektakel. Deshalb liegt es an uns, den laufunwilligen Patienten solche Spektakel auch für andere gesundheitsförderliche Tätigkeiten zu bieten: Der Nordic-Walking-Challenge-Cup Paris-Dakar (für die Rüstigeren unter den Rentnern), der Nordic-Walking-Challenge-Cup Wohnung-Konditorei (für die nicht ganz so Rüstigen), der Vienna-City-G’sunde-Jausen-Super-Bowl oder der Non-Smoking-Non-Saufing-Non-Schweinsbratling-Triathlon. Wenn die Gaudi im Vordergrund steht, kann man vieles verkaufen, das auf den ersten Blick nicht ganz so attraktiv erscheint.

Damit man im Nachhinein noch Spaß an der Sache hat, werden wir Medaillen, Urkunden und T-Shirts mit „I did the Karotte-Eating“ verteilen. Mögen die Spiele beginnen …

Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 16/2014

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