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© Mary Evans / INTERFOTO
Marcel Proust im Alter von etwa 31 Jahren. Die Aufnahme von Martinie von 1902 ist eine Reproduktion von ’Proust Documents Iconographiques‘ plate 67, 1871– 1922.
 
Leben 17. April 2014

Marcel Proust hustete seinen Ärzten etwas ...

Der prominente Patient: Bunte Selbstmedikation gegen „nervöses“ Asthma.

Er war einer der großen französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, eine exzentrische Persönlichkeit aus einer berühmten Arztfamilie. Seit seiner Kindheit litt er an Asthma bronchiale – einer Krankheit, von der man glaubte, sie sei „nervöser“ Natur.

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist das Opus magnum Marcel Prousts (1871–1922), ein siebenbändiges Monumentalwerk, je nach Ausgabe bis zu fünftausend Seiten Lesestoff, ein Klassiker, dessen erster Band (Auf dem Weg zu Swann) übrigens kürzlich in deutscher Neuübersetzung erschienen ist. In einem solchen Sittengemälde des gehobenen Bürgertums Frankreichs am Beginn des 20. Jahrhunderts, wie Proust es sah, finden sich natürlich auch Bemerkungen über Krankheiten, Leiden und Ärzte.

Eine lautet: „Die Neurose ist eine Meisterfälscherin. Es gibt keine Krankheit, die sie nicht zu kopieren versteht.“ Eine andere: „ Die Irrtümer der Ärzte sind ohne Zahl. Sie sündigen gewöhnlich durch Optimismus mit Bezug auf das Regime der Kranken, durch Pessimismus aber, was den Ausgang des Leidens betrifft.“ Beide Zitate kennzeichnen den Umgang Prousts mit seinem Asthma bronchiale.

Asthma aufgrund einer „nervösen“ Persönlichkeit

Im Alter von neun Jahren hatte er seinen ersten Asthmaanfall. In der Folgezeit häuften sich die Attacken und führten zu einer obstruktiven Lungenerkrankung, was schließlich Prousts Leben nach 51 Jahren mit einer infektiösen Bronchopneumonie beendete.

Aus heutiger Sicht erstaunlich ist, dass Proust mit seinen Atemproblemen bevorzugt Neurologen aufsuchte. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass sein Vater, Professor Adrien Proust (1834–1903), eine damals berühmte Persönlichkeit an der Medizinischen Fakultät in Paris war, selbst Neurologe und mit „L’hygiène du neurasthénique“ (Die Behandlung des Neurasthenikers) der Verfasser eines Standardwerks. Schlechte Erziehung eine zu große Aufmerksamkeit gegenüber Kindern sowie mütterliche Überfürsorglichkeit sah er als Ursachen der Neurasthenie an, also von Krankheiten, die heute eher eine Entsprechung bei den psychosomatischen Störungen finden würden. Asthma galt weithin als Ausdruck einer solchen Neurasthenie und folgerichtig betrachtete Marcel Proust sich als „nervöse“ Persönlichkeit.

„Es ist wahrscheinlich, dass verschiedene nichtrespiratorische Manifestationen bei Proust wie ‚kardiale Spasmen’, ‚Dyspepsie’, Kopf- und Rückenschmerzen zu dem gehören, was damals als ‚Neurasthenie’ bezeichnet worden ist, die heute als Somatisierung angesehen werden würden und für die nie ein spezifisches organisches Substrat gefunden werden konnte“, schreibt der Schweizer Neurologe Dr. Julien Bogousslavsky in einer Pathografie. Es sei wahrscheinlich, dass Proust zusätzlich zu den womöglich allergiebedingten Asthma-Attacken eine chronische Dyspnoe entwickelte, die auf eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung zurückzuführen sei. Fotos lassen einen vergrößerten Brustkorbumfang vermuten. Zudem beschreibt Bogousslavsky die Behandlung Prousts als „chaotisch“.

Medizinische Entscheidungen lieber selbst getroffen

Zwar hatte Proust Zugang zu den berühmtesten Ärzten seiner Zeit und konsultierte diese auch. Aufgrund seiner Herkunft hielt er sich jedoch für mindestens ebenso qualifiziert, medizinische Entscheidungen zu treffen. Er behandelte sich selbst mit verschiedenen Medikamenten und Diäten. Dazu gehörten Antiasthma-Pulver, Antiasthma-Zigaretten, Ether, Balsame, Opiumderivate, verschiedene Barbiturate, Chloralhydrat, Adrenalin, das Alkaloid Spartein (Lupinidin), Acetylsalicylsäure und andere in verschiedensten Kombinationen. Er mischte schlafanstoßende Mittel wie Barbital mit Stimulanzien wie Adrenalin, kurz vor seinem Tod orderte er im Hotel Ritz, seinem bevorzugten Pariser Speiselokal, eine Mischung aus Kaffee und kaltem Bier.

Selbstmedikation blieb nicht folgenlos

Mindestens zweimal hat Proust schwere Schlafmittel-Intoxikationen erlitten, was auch mit seinem völlig zerstörten Schlafrhythmus zu tun hatte: Kurz vor dem Tod seiner Mutter im Jahre 1905 schlief er tagsüber, erwachte abends gegen 20 oder 21 Uhr, „frühstückte“ gegen 23 Uhr, um dann die Nacht durchzuarbeiten. Nachdem seine Mutter gestorben war, litt er an Depressionen und verließ für fünf Monate nicht sein Zimmer in Versailles.

Heilung durch strikte Isolation?

Danach wollte er sich aufgrund seines Studiums eines Fachbuches zur Behandlung des Asthmas von Professor Édouard Brissaud (1852–1909) wegen seiner „Neurasthenie“ mit einer Art Isolationskur behandeln lassen. Brissaud hatte die Krankheit als Neurose beschrieben, die bei Menschen mit „morbider, kapriziöser und autokratischer Persönlichkeit“ auftrete. Proust hatte vor, sich einer dreimonatigen Isolation in einer Pariser Klinik zu unterziehen, der Arzt Dr. Jules Dejerine (1849–1917) versprach Proust, danach würde er geheilt sein. Allerdings hatte Proust große Angst vor der Behandlung und begab sich lieber in die Hände von Dr. Paul-Auguste Sollier (1861–1938), der in seiner Klinik eine kürzere und weniger strikte Isolation anbot. Dort blieb Proust vom 6. Dezember 1905 bis 25. Januar 1906, freilich ohne, dass sich eine Wirkung auf seine Atemprobleme zeigte. Er sei kränker aus dem Krankenhaus heraus- als hineingekommen, äußerte er wenig später.

In „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ schrieb Proust: „Im Zustand der Krankheit merken wir, dass wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen ganz anderer Ordnung gefesselt sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.“

Quellen: Springer-Verlag (2014) DOI: 10.1007/s11298-014-1181-9 basierend auf: Bogousslavsky J, Hennerici MG (eds): Neurological Disorders in Famous Artists – Part 2. Front Neurol Neurosci. Karger 2007, 22: 89-104; www.zitate-aphorismen.de; Wikipedia

springermedizin.de, Ärzte Woche 16/2014

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