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Leben 7. April 2014

Sex im OP

Wie man es tut. Wo man es tut. Warum man es tut.

Die schönste Freude ist die Vorfreude. Das trifft natürlich ebenfalls auf diese Kolumne zu. Denn wenn Sie bis hierher gelesen haben, dann ist das Aufregendste schon vorbei.

Tatsächlich habe ich keine Ahnung, wie, wo und warum man es im OP tut. Mir persönlich ist, obwohl das Krankenhaus hinsichtlich körperlicher Zuneigung im Nachtdienst kein unbeschriebenes Blatt ist, kein Fall bekannt, bei dem diese Zuneigung in der Sterilität eines Operationssaales, vor allem während der Betriebszeiten, ausgelebt worden wäre. Ich würde hier von Orphan-Sex ausgehen, also überaus seltenen Ereignissen.

Dennoch – und hier sind wir schon beim eigentlichen Thema – zieht eine solche Überschrift die Aufmerksamkeit auf sich. Ein banaler Volkshochschulkurs über Astronomie lockt in Wien zurzeit mit dem Titel „Sex im Weltall“ weitaus mehr Zuhörer an, als mit „Schwellkörperfüllungszustände ohne Einfluss der Gravitation“. In diesem Sinne sollten wir auch die medizinischen Vorträge ein wenig würziger präsentieren.

Das Thema „Leben mit Diabetes“ mag ja durchaus seine Fangemeinde haben, die in die Mehrzweckhallen des Landes pilgert. Aber das sind die Braven, diejenigen Patienten, die ohnehin das tun, was wir Ärzte von ihnen verlangen und im vorauseilenden Gehorsam eine Compliance von 120 Prozent an den Tag legen. Nein, wir wollen an jene schwarze Schafherde rankommen, die hinter dem ärztlichen Rücken die Süßspeisen verzehrt und nach einer Stunde gemütlichen Lümmelns am Sofa „eine Stunde Sport“ in das Diabetes-Tagebuch einträgt. Diese Gruppe spricht eben eher auf verwegene Themen an: also, statt „Leben mit Diabetes“ „Sexleben mit Diabetes“ oder auch „Leben mit Sex-Diabetes“, was auch immer das sein mag. Auch schön sind Versprechungen wie „Mehr Sex durch Diabetes“, „Besserer Sex durch Diabetes“ oder auch den etwas sperrigen Titel „Besserer Sex durch besseren Diabetes“. Sex sells. Diabetes nicht.

Inhaltlich braucht man sich nicht allzu viele Gedanken zu machen. Denn wie bereits anfangs erwähnt, ist es die Vorfreude, die uns motiviert, Dinge zu tun. Also beginnen Sie den Vortrag mit „Sex hat mit Diabetes nur am Rande zu tun, deshalb erzähle ich Ihnen nun etwas über den HbA1c-Wert“. Die Menschen werden Ihnen die kleine Bauernfängerei verzeihen und begeistert Ihren medizinischen Ausführungen lauschen. Oder Sie reden tatsächlich über die Dinge, die unsere Patienten wirklich interessieren. Wenn Sie dem Thema moralisch nicht gewachsen sind, so schicken Sie die Zuhörerschaft zu meinen lieben Bühnenkollegen Bernhard Ludwig oder Barbara Balldini, die gerne ins Detail gehen. Und noch ein bisschen weiter.

In meinem jahrelangen Kampf um mehr Kundenorientiertheit im medizinischen System glaube ich, dass auch so garstige Sätze, wie „Geile Torten in der Vitrine“ oder eben „Sex im OP“ Platz haben müssen. Der Zweck heiligt auch ein paar Schweinereien.

Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 15/2014

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