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Ein undatiertes Foto zeigt die durch Spondyloarthropathie extrem zerstörte und abgetragene vordere Gelenkfläche des letzten Rückenwirbels eines Krokodilsaurier.
© (2) Museum für Naturkunde Berlin/Dr. Florian Witzmann

Ein undatiertes Foto zeigt die vollständige Verwachsung des letzten Rücken- mit dem ersten Beckenwirbel eines Krokodilsauriers. Die beiden verwachsenen Wirbelkörper zeigen eine deutliche, abnormale Verkürzung ohne ersichtliche Verwachsungszone, sodass man sie auf den ersten Blick für einen einzelnen Wirbelkörper halten könnte.

 
Leben 9. April 2014

Schon Krokodilsaurier hatten Spondyloarthropathie

Untersuchungen zeigen bereits einen frühen Erkrankungsausbruch.

Rückenschmerzen sind eine Zivilisationskrankheit? Irrtum: Das Kreuz mit dem Kreuz ist älter als die Menschheit. Es traf schon Urzeittiere.

Mal an Wasser, mal an Land bewegten sich Krokodilsaurier vor mehr als 200 Millionen Jahren an Küsten und Flussdeltas. Bis zu zwölf Meter lang waren manche dieser Verwandten der Dinos und Urahnen der Krokodile. Mindestens eines dieser Reptilien hatte Rückenschmerzen, und zwar sein Leben lang. Forscher des Naturkundemuseums und der Uniklinik Charité in Berlin, Deutschland, haben es herausgefunden und berichten darüber im Wissenschaftsmagazin PlosOne (2014; online 15. Jänner). Das Tier „Angistorhinopsis ruetimeyeri“ litt an Spondyloarthropathie, einer entzündlichen Wirbelerkrankung. Wie beim Morbus Bechterew kommt es dabei zur Verknöcherung von Wirbelzwischenräumen – eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit.

CT-Untersuchung beim Saurier

Die Diagnose dieser Erkrankung bei dem 220 Millionen Jahre alten Patienten erforderte Teamwork. Eher zufällig ist der Paläontologe Dr. Florian Witzmann in der Sammlung des Berliner Naturkundemuseums auf merkwürdige Wirbelveränderungen bei dem fossilen Reptil aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt aufmerksam geworden. Mit bloßem Auge konnte Witzmann erkennen, dass zwei Mal zwei Wirbelkörper verwachsen waren. Eine Computertomografie (CT) zeigte dann Genaueres: Bei zwei verwachsenen Brustwirbeln ist das Zwischenwirbelgelenk verknöchert. Der letzte Lenden- und der erste Beckenwirbel sind verwachsen und stark verkürzt. Zusätzlich ist der letzte Rückenwirbel an der vorderen Gelenkfläche stark abgetragen, hat sozusagen eine Delle.

Bis die Forscher – neben Witzmann vor allem ein Radiologe der Charité und ein Tiermediziner des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung – die Ursache für diese Deformationen ermittelt hatten, gab es viele Diskussionen. „Wir haben erst vermutet, dass es sich um angeborene Blockwirbel handelt“, sagte Witzmann. Doch bei dieser Hypothese gab es Unstimmigkeiten.

Im Ausschlussverfahren kamen die Wissenschaftler schließlich zu ihrem Ergebnis. Alles sprach für eine Spondyloarthropathie. Der stark abgetragene letzte Rückenwirbel verriet Witzmann und seinen Kollegen zudem, dass die Krankheit schon im frühen Leben des Phytosauriers ausgebrochen sein muss und ihn begleitete, ohne direkt zum Tode zu führen.

Dem Fund messen die Forscher hohe Bedeutung bei. Denn ein Nachweis von entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen bei fossilen Reptilien ist immer noch außergewöhnlich. Diese Erkrankungen sind bislang fast nur bei Säugetieren dokumentiert – selbst in der Gegenwart. Dass auch Reptilien daran leiden können, und das schon in der Urzeit, ist dagegen ziemlich neu. „Es ist ein höchst seltener Fund, und der Erste bei einem Phytosaurier“, sagt Witzmann.

Neuere Wissenschaftsdisziplin: Paläopathologie

Ziemlich neu ist aber auch die Wissenschaftsdisziplin, aus der diese Erkenntnis stammt. Die Paläopathologie ist zwischen (Tier-)Medizin, Paläontologie und Archäologie angesiedelt. Archäologische Skelettfunde werden dabei mit medizinischen Methoden und Techniken auf Spuren von Krankheiten untersucht. Neben Computertomografen (CT) werden auch Mikro-CTs und hoch auflösende Synchrotrone eingesetzt. Paläontologen und Archäologen schätzen diese medizinischen Untersuchungsmethoden. Denn dabei wird der Fund nicht zerstört, wie zum Beispiel beim Dünnschliff, der den fossilen Knochen beschädigt.

Die Entdeckungen der Paläopathologie geben Hinweise auf Art, Ursachen, Verbreitung und Häufigkeiten von Krankheiten in früheren Zeiten. Sie erlauben damit eine Art Krankheitsgeschichtsschreibung, verraten aber auch viel über Umwelt- und Lebensbedingungen, Essgewohnheiten und Weiteres. So wurde anhand der Bestattungen im hallstattzeitlichen Magdalenenberg gezeigt, dass reichere Grabausstattungen mit Kariesbefall korrelierten. Daraus schloss man, dass materiell besser gestellte Personen auch qualitativ bessere Nahrung zu sich nahmen, die aber Karies begünstigt. Darauf verweist Professor Michael Schultz vom anatomischen Institut der Universität Göttingen hin.

In den meisten Fällen untersuchen Paläopathologen menschliche Skelette. Die Erforschung von Urzeittieren ist dagegen eher selten. Doch sie führt immer wieder zu überraschenden Ergebnissen. So konnten die Berliner Wissenschaftler im Jahr 2011 die sogenannte PagetKrankheit bei einem Dinosaurier nachweisen. Diese Erkrankung war bis dahin nur für Menschen und Affen dokumentiert.

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