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Leben 1. April 2014

Selfie

Der aktuelle Trend, sich in interessanter Umgebung selbst zu fotografieren, hat nun auch die Krankenhäuser erreicht.

Ich gehe davon aus, dass Sie als geneigter Leser dieser Kolumne wissen, was ein „Selfie“ ist. Für die Digital-Immigrants (also die Computer-Greenhorns mit Migrationshintergrund aus der realen Welt) sei erklärt: Dabei handelt es sich um ein Foto, das mit Selbstauslöser gemacht wird, damit auch der Fotograf aufs Bild kommt. Während man früher eine Zeitschaltuhr aufziehen musste, um sich mit einem gewagten Hechtsprung zwischen Schwiegermutter, Pfarrer und der Schwiegermutter des Pfarrers zu positionieren bis der zum viermaligen Gebrauch bestimmte Blitzwürfel aufleuchtete, geht es heute bedeutend einfacher: Das Smartphone wird in der ausgestreckten Hand des Fotografen gehalten. Punkt.

Dass solche Aufnahmen gerade jetzt zu einem Hype geworden sind, liegt vielleicht daran, dass auch Prominente diese Möglichkeit zu Imagezwecken entdeckt haben: Da gibt es Selfies von der Oscar-Verleihung, wo sich ein Star mit dem Who is Who von Hollywood am Bild ablichtet, Selfies aus dem Badezimmer, um zu zeigen, dass Schauspieler bereits am frühen Morgen geschminkt sind und Magersucht geil ist, und Selfies von der letzten Koksparty, wo sich Justin Bieber mit weißem Pulver „keine Macht den Drogen“ auf seinen Bauch streut.

Vor Kurzem war in einer Tageszeitung auch ein Selfie aus dem OP-Saal des Wiener AKH abgedruckt. Dieses stammte jedoch nicht von einem narkotisierten Patienten, sondern vom OP-Team, das sich lächelnd in den Bildausschnitt drängte. Dies verdient Respekt, denn dass ein gesellschaftlicher Trend derart rasch seinen Weg innerhalb der Krankenhausmauern findet, ist doch recht ungewöhnlich. Daher gehe ich davon aus, dass wir in naher Zukunft noch viele Einblicke aus dem Spitalsalltag zu sehen bekommen werden: „Ich und der Oberarzt bei der Hämorrhoiden-Verödung“; „Ich und meine Patienten von der Ambulanz für sexuell übertragbare Krankheiten“; „Ich beim Disziplinarverfahren der Ärztekammer zum Verstoß gegen die Schweigepflicht“. Facebook wird wohl in den nächsten Jahren mit solchen Fotos zugepflastert werden, da wird getwittert, was das Zeug hält, gepostet, markiert und geshared. Immerhin eine gute Strategie gegen Alzheimer: Denn das Internet vergisst nie! Es bleibt zu hoffen, dass die Krankenkasse nicht auf blöde Gedanken kommt, denn so ein Röntgen-Selfie spart jede Menge Personalkosten.

PS: Das Bild des Kolumnisten oben sieht zwar aus wie ein Selfie, ist aber ein Fremdie, da war eine zweite Person am Auslöser, die gerufen hat: „Los, gib’s mir; zeig mir alles!“ Nun, sorry. Besser geht’s halt nicht.

Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 14/2014

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