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© UMJ/N. Lackner
Ausstellungsansicht: Lissitzky-Kabakov.
© Peter Cox

El Lissitzky, Proun Raum (1923) Rekonstruktion, 1971, Sammlung Van Abbemuseum.

© UMJ/N. Lackner/Bildrecht, Wien 2014

Ausstellungsansicht, LissitzkyKabakov, Ilya und Emilia Kabakov; Der Mann, der aus seinem Zimmer in den Weltraum flog, 1985.

© Peter Cox

El Lissitzky, Wolkenbügel (1925), Blick auf Strastnoi Boulevard, Sammlung Van Abbemuseum.

© UMJ/N. Lackner/Bildrecht, Wien 2014

Ausstellungsansicht, LissitzkyKabakov, Ilya und Emilia Kabakov; In der Gemeinschaftsküche, 1991.

 
Leben 3. April 2014

Utopie und Realität

Ausstellung „El Lissitzky – Ilya und Emilia Kabakov – Utopie und Realität“.

El Lissitzky hat als einer der Hauptvertreter der russischen Avantgarde seine gesellschaftskritische Utopie zum Thema seiner Arbeiten gemacht. Ilya und Emilia Kabakov thematisieren dies in ganz anderer Art und Weise. Beide Sichtweisen sind nun in einer Gegenüberstellung im Kunsthaus Graz erlebbar.

Zwei unterschiedliche Standpunkte: Der avantgardistisch-utopische Anspruch von El Lissitzky steht in der aktuellen Ausstellung „El Lissitzky – Ilya und Emilia Kabakov – Utopie und Realität“ den künstlerisch aufgearbeiteten gesellschaftspolitischen Folgen des Kommunismus gegenüber.

Am Ende ist man meist klüger – oder sollte es doch zumindest sein. Nicht nur unter diesem durchaus oberflächlichen Aspekt ist diese Ausstellung im Grazer Kunsthaus, die in Kooperation mit dem Van Abbemuseum in Eindoven, Niederlande, stattfindet, von erheblicher Bedeutung. El Lissitzky blickte seinerzeit mit Zuversicht in eine Zukunft, die künstlerisch wie gesellschaftlich eine tiefgreifende Veränderung mithilfe der Kunst verhieß. Aus seiner Einstellung heraus schuf er als Architekt, Maler, Grafiker, Innenarchitekt und Theoretiker die dafür maßgebenden Formen. Er übersetzte sie in bildhafte Zeichen, um über die strenge Geometrie der Formensprache von Malewitschs Suprematismus zu einem neuen Ausdruck zu gelangen. Malewitsch hatte mit seinem berühmten „Schwarzen Quadrat das 1914 erstmals ausgestellt wurde, den „Nullpunkt in der Kunst“ bestimmt. El Lissitzky setzte exakt dort an und übertrug Malewitschs grundsätzlich radikale Haltung von einem rein künstlerischen in den gesellschaftskritischen Kontext.

Anspruch und Wirklichkeit

Die beiden unterschiedlichen in dieser Ausstellung gezeigten Positionen führen in sieben Kapiteln zu einem dialoghaften Austausch, der bislang so noch nie erfolgt ist: El Lissitzkys „Cosmos“ wird von den Kabakovs mit „Stimmen im leeren Raum“ beantwortet. Das Individuum steht dort am Rande, von der Möglichkeit eines Aufbruchs ist keine Spur mehr vorhanden. Die unendliche Weite erfährt eine Beschränkung, die Utopie der Grenzenlosigkeit erweist sich als Illusion, sie wirkt dadurch äußerst brüchig. Im nächsten Kapitel „Klarheit der Formen“ deuten die revolutionären „Wolkenbügel“ als architektonische Zeichen aus dem Jahr 1925 und „Sieg über den Alltag“ auf die innewohnende Kraft des gesellschaftlichen Aufbruchs hin, wobei kommunales Wohnen die Grundlage der neuen sozialistischen Lebensordnung bilden sollte.

Die Antwort Kabakovs fällt dagegen mit der Installation „Abfall“ und „Der Alltag siegt“ sowie „In der Gemeinschaftsküche“ trist aus. Die eigene Verantwortung ist abgeschrieben, die beinharte Wirklichkeit des sozialistischen Alltags lässt keinen Platz mehr für in die Zukunft gerichtete Konzepte. Aus der Utopie von einem besseren Leben wird die Realität des Überlebens. Wo El Lissitzky das Kollektiv über das Individuum stellt, steht bei Kabakov das Scheitern dieses gesellschaftlichen Experimentes im Vordergrund. Der Auftrag, dem sich El Lissitzky verpflichtet fühlte, nämlich durch eine neue Kunst und Architektur ein umfassend neues kulturelles freies Menschsein zu entwickeln, ist letztendlich also vergeblich. Dass sich Positionen ins Gegensätzliche verkehren können, wird am „Monument für einen Führer“ deutlich, das Macht und Stärke impliziert, die einerseits faszinierend, andererseits im „Monument für einen Tyrannen“ aber äußerst bedrohlich wirken. Aber wie die Entwicklung der Geschichte des 20. Jahrhunderts exemplarisch demonstriert, fallen ihr Führer wie Tyrannen, manche früher, andere später, schlussendlich zum Opfer. Der „Proun Raum“ El Lissitzkys, mit dem er sich inhaltlich von der Zweidimensionalität des Suprematismus absetzte, wirkt Kraft seiner Form wie ein Ideal auf den Betrachter. El Lissitzky schuf, wie es im Begleitheft zur Ausstellung heißt, mit Proun „Projekte zur Begründung neuer Formen in der Kunst“. Das Pendant Kabakovs „Der Mann der aus seinem Zimmer in den Weltraum flog“ demonstriert hingegen einen dramatischen und zugleich drastischen Ausbruchsversuch, der letztlich bloße Wunschvorstellung bleibt.

Utopie auf dem Prüfstand

In „Vertrauen in die Neue Welt“ fordert El Lissitzky statt bloßer Zustimmung ein weiter reichendes klares Engagement für die angestrebten künstlerischen und gesellschaftlichen Neuerungen. Kabakov gibt sich hier ungleich skeptischer: „Unrealisierte Utopie“ heißt sein Gegenentwurf, der zugleich eine Absage an die Utopie El Lissitzkys darstellt. Das letzte Kapitel in Graz zeigt den Künstler als reflektierendes Wesen und den Künstler als Reformer. Darin liegt wohl die größte Annäherung der beiden, die zeitlebens umfassend im grafisch-illustrativen Bereich tätig waren und überdies erkennen mussten, dass ihr künstlerisches Konzept weit weniger gesellschaftspolitisch wirksam wurde, als dies beabsichtigt war. Das soll aber nicht heißen, dass damit ein grundsätzliches Scheitern auf allen Ebenen verbunden ist. Für El Lissitzky war der Anspruch auf Veränderung die Grundlage einer leidenschaftlich geführten Debatte. Er hat sich in seinen Arbeiten und seinen visionären Absichten dazu eindeutig geäußert. Ilya und Emilia Kabakov ziehen in ihren Arbeiten das Resumee aus Jahrzehnten des Kommunismus, gleich ob es um die Lebensumstände des Einzelnen oder der Gesellschaft geht. Das Fazit ist, pointiert in Szene gesetzt, äußerst ernüchternd.

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