zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 21. März 2014

Professionelle Deformation

Warum man als Halbgott in Weiß zu wissen meint, alles über Gott und die Welt wissen zu können.

Die berufliche Rolle prägt auch das private Denken. So hat ein Koch bei einem Restaurantbesuch stets was auszusetzen, ein Musiker kann kein Konzert genießen, da er nur die falschen Töne wahrnimmt, und ein Lehrer bemängelt die mangelnde Bildung der Bevölkerung (für die Bildung x einer Bevölkerungsgruppe G bei einer Gesamtzahl n geht gegen unendlich).

Die „professionelle Deformation“, die zum ophthalmologischen Leiden der „Betriebsblindheit“ zuzuordnen ist, bezeichnet den Drang, die eigene Realität als allgemeingültig zu erachten: „Das Leben ist wie ein Nachtdienst“; „Das Leben ist wie eine Herzoperation“; „Das Leben ist wie Fußpilz“. Das Schöne am Arztberuf: Man hört uns zu!

Wir kennen Menschen aus der Seitenblicke-Szene, die nicht nur zu ihren Gesangskünsten, sondern gleich auch zu den Themen „Krim-Krise“, „Steißgeburt“ und „Flaschendrehen im Altersheim“ befragt werden. Schließlich möchte sich das geneigte Publikum zu den diversen Themen eine Meinung bilden, die der vom geschätzten Idol nahe kommt. Ähnliches gilt für Ärzte. Seit Generationen in den Status allwissender Halbgötter gehoben (so man nicht gerade als gefallener Engel vor den Kadi gezerrt wird), erbittet man nicht nur in Gesundheitsbelangen, sondern auch bei Partnerschaftsproblemen und Schwierigkeiten in der Gartengestaltung unseren Rat. Das pinselt natürlich den Bauch unserer Seele und wir stehen daher jederzeit gerne mit gut gemeinten Ezzes zur Verfügung.

Erstaunlich, welch reiche und umfassende Lebenserfahrung man sich scheinbar im Rahmen eines Medizinstudiums und der Jahre im spitalsärztlichen Untertagebau aneignen kann. Denn egal, um welches Thema es sich beim netten Plausch des OP-Teams am offenen Herzen auch handelt, der Oberarzt weiß nicht nur mit dem Skalpell umzugehen, sondern ist auch gleichsam Experte in Sachen Nahost-Politik und Kindererziehung, er kennt sich aus mit edlen Weinen, Aktienkursen und dem Weinen bei fallenden Aktienkursen. Die Meinung des Alpha-Aufschneiders ist gefragt. Zumindest denkt das der Alpha-Aufschneider.

Auch unsere Patienten hängen an unseren Lippen. Sie wollen nicht nur wissen, wie man sich richtig ernährt, korrekt einatmet oder ordnungsgemäß pinkelt. Sie wollen von uns auch hören, wie man erfolgreich ist, welche Operninszenierung geglückt erscheint und ob Plateauschuhe gerade „in“ sind. Der Doktor-Bonus schützt davor, dass das Umfeld erkennt, welch hanebüchenen Unsinn wir manchmal verzapfen.

Also liebes Umfeld: Ein billiges Würstel wird im weißen Mantel vielleicht zum Würstel im Schlafrock, nie aber zu einem teuren Filetsteak. Letztlich kann der unerschütterliche Glaube, alles zu wissen, auch zum Doktor-Malus führen. Nicht ohne Grund sind viele Ärzte unter den Opfern dubioser Finanzdienstleister, die Haus und Patienten verspielt haben. Dann war die Welt doch nicht so wie eine Hammerzehe.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben