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Leben 17. März 2014

Mailbox voll, Akku leer. Müssen wir jetzt reden?

Welche Gesundheitsrisiken die neuen Medien für unsere Patienten bereithalten, ist noch nicht abzusehen.

Mein lieber Bühnenpartner Norbert Peter ist nicht nur bekennender Hypochonder und damit mein Stammpatient, sondern auch begnadeter Autor. In seinem sehr amüsanten neuen Werk „Mailbox voll, Akku leer. Müssen wir jetzt reden?“ spricht er vom Segen und Fluch der neuen Medien für unsere Gesellschaft.

Ich betrachte die ganze Sache als Arzt naturgemäß nüchterner, objektiver und stets in Bezug auf einen präventiven Benefit oder den möglichen Schaden für die Gesundheit. So sind wir Ärzte nun mal: Stets besorgt um das Wohlergehen unserer Patienten. Wir können uns nicht eine Sekunde entspannen, da wir stets die Risiken und Nebenwirkungen im Kopf haben. Wir denken beim Golf daran, was ein verirrter Golfball von Tiger Woods am Kopf eines Zusehers anrichten kann; beim Schlürfen eines Cocktails am Strand an die potenziellen Keime in den Eiswürfeln; beim Verzehr eines Waldorf-Salates an eine Masernepidemie.

Auch die neuen Medien können bekanntermaßen eine gewisse Gesundheitsgefährdung darstellen: Die vielleicht doch krankheitsauslösende Handystrahlung oder die Spermien schädigende Hodenüberhitzung durch die Platzierung des Laptops am männlichen Schoß ist ja bekannt. Doch mittlerweile gibt es auch noch den schmerzhaften SMS-Daumen, der wie der Tennisellbogen oder die Maushand durch unmäßiges Versenden elektronischer Nachrichten verursacht wird. Und die Kontrollzwänge, die ein minütliches Checken der E-Mails und Nachrichten einfordern, um am Laufenden zu bleiben. Oder die Kontrollzwänge der Krankenkassen, die die Glaubwürdigkeit eines Patienten anzweifeln, nur weil er mit schwerer Lungenentzündung und begleitender Halbseitenlähmung am Fenstertag ein „Selfie“ vom feucht fröhlichen Après-Ski ins Netz gestellt hat.

Doch die wahren gesundheitlichen Risiken liegen woanders. Sie betreffen vielmehr die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Nämlich immer weniger. Zwar können wir jederzeit auf Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Freunde auf Facebook zurückgreifen, die uns im Fall einer Krankheit jederzeit pflegen würden. Doch was hilft es, wenn man bettlägerig im Internet um die Leibschüssel bittet und dafür 40-mal ein „Gefällt mir!“ bekommt?

Man erhält elektronische Anteilnahme in Hülle und Fülle, Genesungswünsche per SMS und E-Mail, man kann sogar seine eigene Krankengeschichte an seine Follower twittern. Die realen Besuche werden sich jedoch in Grenzen halten. Vielleicht sollte Herr Zuckerberg auf Facebook neben dem „Like“-Button auch einen „Händchen halten“-Knopf oder einen „Ich wechsle deine Laken“-Icon installieren. Dafür gibt es aber gottlob die analogen illegalen Pflegekräfte aus Moldawien. Die müssen einen zwar nicht „liken“, aber sie sind zumindest physisch anwesend.

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