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Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836), Deutschland.
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Juan Ponce de Leon (1460–1521), Spanien.

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Herman Boerhaave (1668-1738), Niederlande.

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Eugen Steinach (1861–1944), Österreich.

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Charles-Édouard Brown-Séquard (1818–1894), Frankreich.

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Mythen verschiedenster Völker erzählten unter anderem von Brunnen und magischen Quellen, in welchen alte Frauen und Männer schlagartig wieder knackig frisch, schön und jugendlich werden sollten.

 
Leben 28. Februar 2014

Für immer jung

Vom Jungbrunnen bis zur Anti-Aging-Medizin.

Fast alle Religionen haben es im Angebot – das ewige Leben. Leider erst im Jenseits. Seit Jahrtausenden wollen sich aber die meisten Menschen den Traum von Unsterblichkeit und ewiger Jugend viel lieber schon im Diesseits erfüllen. Ein schier unerschöpfliches Klientel für Wunderheiler, Scharlatane, Quacksalber und Kurpfuscher –, aber auch für seriöse Mediziner.

„Zunehmende Verschleimung, faulig riechender Atem, Entzündung der Augen, allgemeines Nachlassen der Sinne, Verdünnung des Blutes und des Geistes, Schwäche der Bewegung, des Atems und des ganzen Körpers, Nachlassen der animalischen wie der natürlichen Kräfte der Seele, Schlaflosigkeit, Wut und Unruhe des Geistes, Vergesslichkeit“, das waren für den englischen Franziskanerpater und Alchemisten Roger Bacon (zirka 1214–1294) die Symptome des schrecklichsten aller Leiden: des Alters. Der „Doctor mirabilis“ aus Oxford hatte natürlich auch Rezepte zur „Wiederherstellung der Jugend“ parat: In Salzwasser gekochte Vipern mit Rotwein (regelmäßiges Rotweintrinken, allerdings ohne Schlangen, wird ja auch heute noch von der modernen Anti-Aging-Medizin empfohlen) oder „Ambra“, die ausgespiene Substanz aus dem Verdauungstrakt des Pottwals, gekocht mit Schlangenfleisch und dem Herzen eines Hirsches.

Zu seinem Geheimmittel zählte der „fumus juventutis“. Da eine Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen werden konnte, meinte Bacon, dass dies auch mit „Gesundheit“ funktionieren würde und empfahl daher alten Männern, sich von jungen Mädchen – am besten Jungfrauen – „anhauchen“ und umarmen zu lassen. Eine Methode mit der schon König David (Buch der Könige I, 1–4) verjüngt werden sollte, durch die Wärme der sehr schönen Dirne Abisag von Sunem. Noch im 18. Jahrhundert empfahl der berühmte holländische Arzt Herman Boerhaave (1668–1738) dem Amsterdamer Bürgermeister zwei Mädchen, die ihm im Bette seine „Jugendkräfte wiedergaben und ebenso seine Heiterkeit erhöhten“.

Juan Ponce de Leon: auf der Suche nach dem Jungbrunnen

Mythen verschiedenster Völker erzählen neben geheimnisvollen Elixieren und Wunderarzneien von Brunnen und magischen Quellen, in welchen alte Frauen und Männer schlagartig wieder knackig frisch, schön und jugendlich werden. Auf der Suche nach so einem Jungbrunnen entdeckte der nach Gold und jetzt auch nach der ewigen Jugend gierige spanische Konquistador Juan Ponce de Leon (1460–1521) – er kam 1493 mit Columbus nach Amerika –, 1513 die Halbinsel Florida. Er fand aber weder Gold noch die geheimnisvolle Quelle. Dafür wurde er von einem vergifteten Pfeil getroffen und starb nach seiner Rückkehr in Havanna. Heute ist Florida tatsächlich ein „Jungbrunnen“ für betagte und vor allem betuchte Amerikaner. Nirgends gibt es so viele Anti-Aging-Kliniken wie hier und die allermeisten von ihnen sind auch wahre Goldgruben. Der Traum des Konquistadors ist fünf Jahrhunderte später also doch noch in Erfüllung gegangen.

Christoph Wilhelm Hufeland: Mäßigung in allen Dingen

Im Jahr 1796 veröffentlichte der deutsche Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836) einen Klassiker der Anti-Aging-Medizin mit dem Titel: „Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“. Unter dem Titel „Makrobiotik“ erschien 1805 die dritte Auflage. Hier distanzierte er sich von den alchemistischen und astrologischen Geheimrezepten und Zaubertränken, wetterte gegen Luxus, Sittenverderbnis, unnatürliche Lebensart und Ausschweifungen. Mäßigung in allen Dingen predigte er, besonders beim Essen. Zurück zur Natur war sein Credo. Seiner Ansicht nach könnte ein Mensch, der ein „simples Leben im Einklang mit der Natur“ führt, durchaus ein Alter von 140 bis 150 Jahren erreichen. Hufeland war Leibarzt einiger Fürsten und betreute auch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Aber, bis auf ein von Hufeland empfohlenes Gartenhaus in Weimar scheint, Goethe die Empfehlungen seines Arztes nicht akribisch befolgt zu haben. Asket war der Dichter gewiss keiner und sein gewaltiger Weinkonsum überstieg wohl beträchtlich die von Hufeland gepredigte Mäßigung. Aber Goethe wurde dennoch in geistiger Frische 83 Jahre alt. Für das 18. Jahrhundert ein beachtliches Alter. „Successful aging“ wie es im Buche steht.

Charles-Édouard Brown-Séquard: Jung durch Hodensaft

Am 1. Juni 1889 hielt der anerkannte Neurologe Charles-Édouard Brown-Séquard (1818–1894) vor der Pariser Akademie der Wissenschaften einen Vortrag, der nicht nur Ärzte, sondern auch die breite Öffentlichkeit in Aufruhr versetzte. Der Neurologe berichtete von einem heroischen Selbstversuch und seinem spektakulären Ergebnis. Der nach eigenen Angaben bereits recht hinfällige, zweiundsiebzig Jahre alte Brown-Séquard hatte sich das wässrige Extrakt aus dem Hoden eines Hundes und eines Meerschweinchens täglich subcutan injiziert und bereits nach einigen Tagen „alle Kräfte wieder erlangt, die er vor Jahren besaß!“ Journalisten machten Brown-Séquard und sein Elixier über Nacht weltweit bekannt. Kein Wunder, dass bald geschäftstüchtige Scharlatane verjüngende Wundermittel – meist nur aus destilliertem Wasser – mit dem Namen des Erfinders teuer verkauften. Brown-Séquard wehrte sich zwar, konnte es aber nicht verhindern. Fünf Jahre nach seiner berühmten Vorlesung starb Brown-Séquard allerdings. Heute weiß man, dass sein Elixier absolut unwirksam war. Die überwältigende Wirkung seiner Kur war letztlich Autosuggestion, oder wie manche Medizinhistoriker heute meinen, eine Depression, die er mit der erfolgreichen Arbeit an seinem „verjüngenden“ Hodensaft günstig beeinflusste. Sein Tonikum war zwar unwirksam, aber seine Arbeit gilt heute als Beginn der Endokrinologie.

Eugen Steinach: mehr Testosteron durch Vasoligatur

Aus Greisen muntere Jünglinge machen wollte auch der österreichische Physiologe Eugen Steinach (1861–1944). Nach der Unterbindung der Vasa deferentia – also der Hemmung der exkretorischen Funktion der Hoden – beobachtete er reaktiv eine Volumenzunahme der Leydigzellen und vermutete daher auch eine Zunahme der Produktion von Testosteron. Als „Steinach-Operation“ ging die von ihm entwickelte „Vasoligatur“ in die Geschichte ein. In seine Ordination in Wien kamen Patienten aus der ganzen Welt und priesen die Erfolge des Verjüngungs-Mediziners in höchsten Tönen. Seine berühmtesten Patienten waren Sigmund Freud (1856–1939) und Adolf Lorenz (1854–1946). Steinach war ein seriöser und angesehener Forscher und Wissenschaftler – seine Methode war dennoch wirkungslos. Im Labor konnte keine Erhöhung des Testosterons nach Vasoligatur nachgewiesen werden.

Serge Voronoff: Implantieren von Affenhoden

Alten Männern ihre Potenz und Jugendlichkeit durch Transplantation von jungen Hoden zurückzugeben, versuchte auch der Chirurg Serge Voronoff (1866–1951) in Paris. Nach dem Ersten Weltkrieg begann er einem zahlungskräftigen Klientel Affenhoden zu implantieren und wurde damit steinreich. Weltweit wurden Tausende Eingriffe dieser Art durchgeführt und Legionen von Affen zumindest ein Hoden entfernt. Da aber die „Verjüngung alter Männer“ nicht in jenem Ausmaß eintrat wie Voronoff es versprochen hatte – auch hier war vermutlich vorwiegend Autosuggestion für die kurzzeitigen Erfolge verantwortlich – geriet seine Operation schon bald in Vergessenheit.

Paul Niehans: Injizierte Zellen aus Schafsföten

Mit einer nicht chirurgischen Form einer Xenotransplantation versuchte der Schweizer Paul Niehans (1882–1971) alternde Menschen zu Verjüngen. Injektionen mit einem Brei von Zellen aus Schafsföten sollten die Patienten mit „Millionen von frischen Zellen“ „revitalisieren“. „Zellulartherapie“ nannte Niehans sein Verfahren. Durch die Behandlung von Papst Pius XII (1876–1958) im Jahr 1954 wurde Niehans und seine Privatklinik am Genfer See schlagartig weltweit bekannt. Sich gefriergetrocknete Organe in den Gluteus maximus spritzen zu lassen, wurde rasch große Mode. Besonders bei den Mächtigen, Reichen, Schönen und Berühmten dieser Welt: Von Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, Winston Churchill, über Christian Barnard bis zu Pablo Picasso, Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Maria Schell, Marika Rökk und Herbert von Karajan. Fast unnötig zu sagen, dass auch diese Methode unwirksamer Hokuspokus war.

„Wer früher stirbt, hat mehr vom ewigen Leben“, selbst der gläubigste Mensch würde heute diese christliche „Weisheit“ nicht einfach hinnehmen. Der Traum von der Unsterblichkeit und der ewigen Jugend ist beileibe nicht ausgeträumt. Neueste Ergebnisse der Forschungen über den Alterungsprozess lassen hoffen. Ein noch unbekanntes Hormon dürfte für die Dauer des Lebens verantwortlich sein. Gefunden hat man bisher nur einen Hormonrezeptor, der bei Aktivierung durch eine Diät die Lebensdauer um bis zu 25 Prozent verlängern soll – bei Fadenwürmern.

Wolfgang Regal, M. Nanut, Ärzte Woche 10/2014

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