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Baccarat, Carpet Ground, datiert 1848, blau, sehr selten.

Clichy, Spaced Millefiori mit zwei Clichy Rosen, signiert mit komplettem Namen – nur sieben Exemplare bekannt in privaten Sammlungen und Museen in USA.

Clichy, Millefiori-Körbchen mit achtClichy-Rosen.

Clichy, C-Scrolls, grüner Grund.

© (5) farfalla-Paperweights

Saint-Louis, Millefiori mit Vogel-Silhouette und zehn Hunde-Silhouetten, signiert mit SL, sehr selten.

 
Leben 21. Februar 2014

Schöne Beschwerung

Sie waren immer etwas Besonderes. Die Rede ist von Paperweights, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode kamen und anfangs in Böhmen sowie Frankreich gefertigt wurden. Aber auch zeitgenössische Glaskünstler setzen diese Tradition fort.

Ihr Reiz nimmt einen gefangen –, denn diese Briefbeschwerer aus hochwertigem Glas sind künstlerisch gefertigte Unikate und wirken auf eine ganz spezielle Art und Weise.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden dekorative Briefbeschwerer, die sogenannten „Paperweights“, mit künstlerisch aufwändig gestalteten Arrangements wie etwa Blumenbouquets aus farbigem Glas. Manche wurden zusätzlich mit farbigem Glas überfangen und mit geschliffenen Linsen versehen, um den Einblick noch reizvoller zu gestalten. Durch Millefiori-Technik, Faden- und Spiralendekors, figürliche oder porträthafte Keramik- oder Metallinkrustationen sowie Tierdarstellungen wird jene Wirkung erzielt, die diese gläsernen Briefbeschwerer zu besonderen Sammelobjekten werden ließ.

Reizvolle Einblicke

Bekannt ist die Mosaikglas-Technik, Vorläufer des „Mille Fiore“, schon seit der Antike, wiederentdeckt wurde sie im 15. Jahrhundert. Aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts kamen Dekors aus Millefiore- und Filigranglas richtig in Mode. Das auf der Glas-Insel Murano gehütete Geheimnis der Herstellung farbiger Glasstäbe, ursprünglich Halbware für die Produktion von Glasperlen, blieb nicht gewahrt, obwohl man seitens der Serenissima äußerst darauf bedacht war, das Wissen um die hohe Kunst der Glaserzeugung nicht in alle Welt zu verbreiten.

Speziell französische Glasmanufakturen übernahmen und vervollkommneten die Verfahren Böhmischer Hersteller. In Frankreich wurden auf diesem Gebiet die Glashütten Baccarat (Cristallerie de Baccarat), Saint-Louis (Compagnie des Verreries et Cristalleries de Saint-Louis) und Clichy führend. Jede verlieh durch die Art der Herstellung den Paperweights ihre jeweils eigene Charakteristik.

Die dekorativen Glasobjekte waren nie Massenware, nimmt ihre Herstellung doch Zeit, kunsthandwerkliches Können und Geschick in Anspruch. Erzeugnisse von Baccarat zeichnen sich etwa durch dichte Blumenpolster aus und plastische Früchte sowie Blütenkränze in den massiven Bleiglaskugeln sind für Saint-Louis typisch. Clichy, mit einer nur kurz von 1846 bis 1852 währenden Blütezeit, ist die wahrhaft meisterliche „Clichy-Rose“ zu verdanken, ein detailreich anmutiges Kunstwerk in Glas. Briefbeschwerer mit solch einem Motiv galten damals schon als kostspielige Rarität, heute sind sie Prunkstücke so mancher Sammlungen.

Die frühesten Stücke französischer Provenienz sind um 1845 datierbar, Baccarat zeigte auf Pariser Gewerbeausstellung 1849 die ersten Briefbeschwerer. Bald übertraf die Qualität der französischen Produkte die Erzeugnisse der böhmischen Glashütten bei Weitem. Auch in Großbritannien war man nicht untätig: in den Manufakturen James Powell & Sons sowie George Bacchus & Sons wurden Mitte des 19. Jahrhunderts „Glass Paper Weights“ gefertigt, dies allerdings in äußerst geringer Stückzahl. In der neuen Welt waren es Emigranten aus Frankreich und England, die ihr technisches Wissen und glaskünstlerisches Können solcherart unter Beweis stellten. Speziell die „New England Glass Company“ mit der Darstellung voll plastischer Früchte in Glas oder auch das namhafte Unternehmen „Boston & Sandwick“ sind hier zu nennen.

Von Glas umfangen

Der Reiz von Paperweights liegt nicht allein in den vielgestaltigen Motiven, sondern in der Verwendung von bleihaltigem, schwerem Glas mit brillanten lichtbrechenden Eigenschaften, die den Vergrößerungseffekt der Kugelkrümmung verstärken. Paperweights, namentlich von Glashütten aus Böhmen, dem bayerischen Wald oder sogar aus Brunn am Gebirge im Süden Wiens, aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind qualitativ mit den Meisterstücken dieses leider nachwuchsschwachen Kunsthandwerks nicht vergleichbar. Seit den fünfziger Jahren wurden im Übrigen bei Baccarat und Saint-Louis wieder Paperweights, teils in modernen Formen, teils nach klassischen Modellen limitiert aufgelegt. Allerdings ist zwischenzeitlich, nach mehreren Verkäufen die Herstellung der kostbaren Unikate bei Baccarat eingestellt worden.

Wer moderne Glasmacherkunst schätzt, dem werden beispielsweise Paperweights von Paul Ysart sowie einige amerikanische Paperweight-Studios (u. a. Paul Joseph Stankard, Charles Kaziun), die auf diesem Gebiet Hervorragendes leisten, ein Begriff sein. Monika Flemming und Peter Pommerencke im bayerischen Starnberg widmen sich seit über 30 Jahren mit „farfalla paperweights“ den gläsernen Kostbarkeiten. Im Gespräch darüber bemerkt man rasch, wie vielseitig das Thema ist. Das hat auch der amerikanische Autor Truman Capote auf eine ganz besondere Art und Weise bei einem Besuch, über den er eine seiner Kurzgeschichten verfasst hat, bei der französischen Schriftstellerin Colette erfahren. Sie besaß eine bedeutende Sammlung an Paperweights aus der Blütezeit der französischen Glasmanufakturen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Capote war nach eigenen Worten fasziniert von der Qualität und Vielfalt.

Im Verlauf des Gesprächs mit der von ihm sehr verehrten Schriftstellerin machte sie ihm ein ganz exquisites Stück, „Die weiße Rose“ von Baccarat, zum Geschenk. Wissentlich oder unwissentlich löste sie damit bei Capote eine andauernde Sammelleidenschaft aus. Das führte so weit, dass er sechs Stücke auch auf Reisen, sorgsam in eine kleine Tasche verpackt und in Flanell gehüllt mitnahm, um sich bei ihrem Anblick in einem unpersönlichen Hotelzimmer ein wenig zu Hause zu fühlen.

T. Kahler, Ärzte Woche 9/2014

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