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Verner Panton mit Familie im „Living Tower“, (1968/69, produziert von 1969–1970: Vitra/ Hermann Miller, CH).

Spiral-Lampen (1969, produziert von Lübner) „Phantasy Landscape“, Visiona 2, IMM Köln Möbelmesse, 1970.

„Phantasy Landscape“, Visiona 2, IMM Köln Möbelmesse/Cologne Furniture Fair, 1970.

© (4) Panton Design, Basel

„Phantasy Landscape“, Visiona 2, IMM Köln Möbelmesse/Cologne Furniture Fair, 1970.

 
Leben 18. Februar 2014

Visionäre Formen

Der dänische Designer Verner Panton gilt als revolutionärer Neuerer des Designs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein erinnert derzeit die aktuelle Ausstellung „Visiona 1970 Revisiting the Future“ an seine zukunftsträchtigen Raumentwürfe.

Er war seiner Zeit voraus und galt als großer Visionär in den Bereichen Möbeldesign und Innenarchitektur: Verner Panton nützte neueste Materialien und gestalterische Ausdrucksformen, um statt reinem Funktionalismus, inszenierte Wohnwelten zu schaffen.

Ansätze zur Verwirklichung von visionären Gesamtkunstwerken gab es im 20. Jahrhundert einige. Radikal waren sie allesamt, angefangen vom kunsthistorisch bedeutsamen Merzbau Kurt Schwitters bis hin zu Filmsets wie etwa der „Korova Milk Bar“ aus Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“, oder auch „Barbarella“ mit Jane Fonda in der Hauptrolle aus den 1960er-Jahren. In den Showrooms, die der Däne Verner Panton im Rahmen der Visiona 0, 1968, und der Visiona 2, 1970, bei der Kölner Möbelmesse auf einem Ausflugsboot im Auftrag der Bayer AG realisierte, sollte anschaulich gemacht werden, welch ungeahnte Möglichkeiten moderne Kunststoffe und Kunstfasern boten.

Pop- und Op-Art hatten Mitte der 1960er-Jahre auch im Bereich des Designs neue Gestaltungsfelder geöffnet, das schlug sich nun in der Konzeption von Räumen und seriellen Möbelentwürfen nieder. Kunststoffe wie Plexi- oder Acrylglas sowie Thermoplast-Spritzguss, der etwa für den Freischwinger „Panton“ verwendet wurde, aber auch Bezugsstoffe aus Kunstfasern für Sitzmöbel mit Schaumkernen ermöglichten neue ungewöhnliche Formen der Gestaltung. Designer und Hersteller nützten die Möglichkeiten, die sich hier boten, wenn auch nicht alle auf solch radikale Art und Weise wie Verner Panton. Wie radikal dieser Ansatz tatsächlich war, ist heute kaum mehr vorstellbar, lässt sich aber anhand der rekonstruierten Räume in der gegenwärtigen Ausstellung zumindest erahnen.

Utopie des Wohnens

Bürgerliches Wohnen sah in Deutschland der 1960er-Jahre jedenfalls anders aus: Im Wohnzimmer beherrschte die Schrankwand mit Fernseher den Raum, dazu gehörten der Couchtisch und passende Polstermöbel in gedeckten Farben. Quadratisches Eichenparkett, Türblätter in dunklem Holz und weiß gestrichene Fenster- und Türrahmen gaben vielerorts den Ton in diesen bürgerlichen Wohnwelten an. Die Raumvisionen Verner Pantons gingen weit über das hinaus, was etwa Luigi Colani als Gestalter in unterschiedlichen Produktgruppen verwirklichte. Pantons Raumkonzepte wurden schließlich in bemerkenswerten Großprojekten auch umgesetzt. Die umfassende Innenraumgestaltung des Spiegelverlagshauses in Hamburg 1969 zählt bis heute zu den Hauptwerken Pantons. Teile davon wurden nach dem Umzug ins neue Gebäude integriert. Der seit Mitte der 1960er-Jahre in der Schweiz beheimatete Däne verstand sich tatsächlich als Allrounder. Möbel, Leuchten, Wand- und Deckenverkleidungen, Möbelstoffe – das alles gab es bei Verner Panton aus einer Hand.

Ein Blick in die Zukunft

Anders als andere Designer wurde Verner Panton gleich zweimal auf dem vom Chemieunternehmen Bayer gecharterten Ausstellungsschiff zunächst 1968 für die Visiona 0, dann 1970 für die Visiona 2 unter dem Thema „Wie wohnen wir morgen“ engagiert. In nur vier Tagen kamen 24.000 Besucher, um diese psychedelisch gestalteten Interieurs mit ihren fließend-amorphen Formen ohne jede Ecken und Kanten, den harmonisch aufeinander abgestimmten Farben und damit folglich eine völlig neuartige Raumatmosphäre zu bestaunen. Das war das Ergebnis einer radikalen gestalterischen Umsetzung mithilfe modernster Materialien. Die Bayer AG ermöglichte durch die Realisierung dieser von Verner Panton konzipierten Show-Rooms ein für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts exemplarisches Innenraumkonzept. Pop-Art und psychedelisch farbenfrohe Kunst bestimmten die späten 1960er-Jahre.

Farb- und formenfroh ging es auch im vom deutschen Grafiker Heinz Edelmann gestalteten Beatles-Film „Yellow Submarine“ zur Sache. Was Panton hingegen bot, waren keine Filmsets, sondern die Inszenierung von modularen Wohnlandschaften in höchst kompromissloser Art und Weise. Panton riskierte den Bruch mit der klassischen Stahlrohr-Moderne wie auch mit dem Funktionalismus und sorgte stattdessen für eine radikale stilistische Neuinterpretation. Seine Formensprache war zwar auf das nötigste reduziert, das experimentelle Farb- und Formenspiel dennoch gewagt. Und doch hielt sich die Ablehnung in Grenzen, Pantons Möbel wirken schließlich in ihrem radikalen Formalismus bis heute einnehmend.

Manche der im Rahmen der Visiona 2 präsentierten Entwürfe wie etwa die Amöben-Sessel, das Kleeblatt-Sofa oder auch die Ringleuchte, die als modulares Wand- oder Deckenelement konzipiert wurde, ging später in Serienproduktion. Allerdings währte die von der Visiona 2 ausgehende Aufbruchsstimmung nicht lange, denn was mit solchem Schwung und visionärem Elan begann, fand durch die erste Ölkrise Mitte der 1970er-Jahre ein jähes Ende. Der Rohstoff für all die bunten Kunststoffe verteuerte sich enorm, an eine Massenproduktion war damit nicht mehr zu denken, der populäre Design-Ansatz gescheitert. Für Verner Panton bedeutete dies zunächst einen herben Einschnitt.

In den 1990er-Jahren wurde er als einer der maßgebenden Designer der 1960er-Jahre wieder entdeckt. Re-Editionen seiner Möbel- und Lampenklassiker kamen erneut auf den Markt. Kurz vor einer großen Ausstellung und Werkretrospektive verstarb Panton im Jahr 1998. Seine „Phantasy Landscapes“ haben jedoch nichts von ihrer visionären Kraft eingebüßt.

T. Kahler, Ärzte Woche 8/2014

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