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© (5) Thomas Kahler
Sonnenbrille, um 1940

Sonnenbrille mit Zelluloidrahmen, um 1930

Kutscherbrille, um 1870

Brille, um 1860

Brille, um 1820

 
Leben 4. Februar 2014

Seh-Not

Kassengestell oder Mode-Accessoire: Die Frage nach gutem Aussehen stellte sich bei den ersten Brillen nicht. Die waren nämlich Mittel zum Zweck eine Sehschwäche auszugleichen.

Heutzutage unterliegen auch optische Brillen unterschiedlichen Modeströmungen. Jedoch nicht immer waren diese optischen Behelfsmittel modische Accessoires. Ein Blick zurück auf die Anfänge.

Wo und wann sie erfunden wurden, jene technischen Hilfsmittel, die so manchem den nötigen Durch-Blick verschafften, ist nicht genau bekannt. Soviel man weiß, gab es aber in der Antike keine derartigen Hilfsmittel. Seneca hatte zwar in seinen Schriften die Vergrößerungswirkung beim Blick durch eine wassergefüllte Glasschale beschrieben, weiter reichende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Optik sind jedoch dem griechischen Astronomen und Mathematiker Ptolemäus zu verdanken. Seine Berechnung von Brechungswinkeln und Brechungsindex bei Wasser und Glas gilt bis heute als Grundlage der Optik.

Auf Umwegen floss dieses Wissen im 11. Jahrhundert in das Werk des arabischen Astronomen und Mathematikers Alhazen ein, das Mitte des 13. Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt wurde und so in den Bestand klösterlicher Bibliotheken kam. Die Schreiber in den Skriptorien der Klöster hatten nicht immer das beste Licht beim Verfassen von Texten und auch das Lesen war außer bei Tageslicht beim Schein von Kerzen-, Öl- oder Talglichtern sehr anstrengend. Mönche, die im Alter unter Weitsichtigkeit litten, behalfen sich auf der Grundlage von Alhazens Werk mit konvex geschliffenen Lesesteinen aus Bergkristall oder Beryll, die zur Vergrößerung auf den Text gelegt wurden.

Vom Beryll zur Brille

Die ersten Brillen, die als solche bezeichnet werden können, wurden Ende des 13. Jahrhunderts in Venedig erzeugt. Die Rahmen dieser Niet- und Scherenbrillen waren aus Holz, Leder oder Horn gefertigt und zunächst mit geschliffenen Gläsern aus Bergkristall oder Beryll ausgestattet. Beide Steinarten waren durch ihre Reinheit für optische Zwecke geeignet. Vom Beryll leitet sich auch die Bezeichnung „Brille“ ab. Eine geschliffene Linse aus diesem Material wurde als „Brill“ bezeichnet, daraus entstand als Paar die Brille.

Zunächst waren Brillen nur für einen kleinen, ausgewählten Kundenkreis gedacht. Zum einen waren sie durchaus kostspielig in der Herstellung, zum anderen gab es außer für geistliche Gelehrte oder auch Kaufleute keine Notwendigkeit, sich solch optischer Hilfsmittel zu bedienen. Das änderte sich mit dem Buchdruck und der damit verbundenen Vervielfältigung von Texten. Ein Holzschnitt von Jost Amman (1539–1591) aus dem Ständebuch versehen mit einem Reim von Hans Sachs ist ein frühes Beispiel für das Handwerk des Brillenmachers: „Ich mach gut Brillen/klar und liecht/Auff mancherley Alter gericht/Von vierzig biß auff achtzig jarn/Darmit das gsicht ist zu bewarn/Die gheuß von Leder oder Horn/ Dreyn die gläser Poliert sind worn/Dadurch man sicht/gar hell und scharff/Die find ihr hie/ wer der bedarff.

Die Brille im Wandel

In Gesellschaft zeigte man sich bis ins 18. Jahrhundert selten mit Brille. Die Schläfenbrille und ihre Weiterentwicklung die Ohrenbrille waren im 18. Jahrhundert bedeutende Fortschritte, Letztere ist bis heute Standard. Die Brillen boten durch den technischen Fortschritt auf dem Gebiet der Optik und der Herstellung stabiler und leichter Gestelle einen immer besseren Tragekomfort. Bereits im 18. Jahrhundert kamen auch Lorgnons, die mit einem Stab versehen vor die Augen gehalten wurden, um das Bühnengeschehen in Theater und Oper besser verfolgen zu können in Mode. Mit sogenannten „Spionen“, kleinen ausziehbaren Taschenteleskopen, konnte man zudem statt die Vorgänge auf der Bühne zu beobachten, einen Blick in die Logen riskieren.

Schubert und Beethoven zählen zu den bekanntesten Brillenträgern des frühen 19. Jahrhunderts. Beide nahmen, um Noten zu schreiben und zu lesen, sehr leichte Brillen aus Stahl mit optischen Gläsern zur Hilfe. In der Zeit des Biedermeier gab es ambulante Brillenhändler, die ihre Ware anboten. Über die Qualität dieser in Handarbeit hergestellten Brillen gibt es wenig Kunde, aber manch einer von ihnen wird wohl sein Gewerbe gut verstanden haben, ging es doch darum, die Kunden zufriedenzustellen.

Ein anderer Berufsstand profitierte ebenfalls davon, dass auch auf dem Sektor der Spezialbrillen Neuheiten auf den Markt kamen. Die sogenannten „Kutscherbrillen“ mit seitlich aufklappbaren, meist moosgrünen Gläsern dienten dazu, blendende Sonnenstrahlen abzuhalten. Das abgebildete Exemplar hat sogar eine prominente Vergangenheit. In der TV-Verfilmung des Lebens von Richard Wagner, einer englisch-österreichisch-ungarischen Koproduktion war diese Brille ein Requisit von Richard Burton, der den berühmten Komponisten darstellte.

Eine Sonderform stellt das Monokel dar, das bei Fehlsichtigkeit auf nur einem Auge verwendet wurde und speziell in Adelskreisen in Deutschland und England gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt wurde. Das 20. Jahrhundert kann als Zeit der Brillen-Revolution gelten. Es wurde mehr gelesen, auch im Kino sollten die Bilder scharf zu sehen sein, mit dem Berg- und Schisport kamen auch die dafür geeigneten Brillen auf den Markt. Kurz, die Brille wurde mit einem aus Zelluloid, aus Horn oder Acetat gefertigten Rahmen und immer weiter verbesserten optischen Gläsern zum Massenartikel. Heute ist sie beides: ein Hilfsmittel, um besser zu sehen und besser auszusehen.

T. Kahler, Ärzte Woche 6/2014

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