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Leben 24. Jänner 2014

The Legend of ELGA Teil 1

Die elektronische Gesundheitsakte erregt die medizinischen Gemüter im friedlichen Auenland – doch ELGA wird kommen.

Der Protest gegen das Projekt ELGA reißt nicht ab. Die elektronische Gesundheitsakte für Patienten soll schließlich – so wird gemutmaßt – nicht nur dazu dienen, durch eine bessere Koordination Kosten zu verringern oder die Verordnungen sicherer zu gestalten, sondern auch, das Verschreibeverhalten der Ärzte zu überwachen. Da der Schmerz über die geforderte datenmäßige Offenherzigkeit nicht einmal mit höheren Geldzuwendungen gelindert wird, vaporisiert die Faeces (dt.: „ist die Kacke am dampfen“).

Tatsächlich lassen sich mit einem ausgefeilten Algorithmus über Patientendaten, auch Daten über das Verhalten der Ärzte gewinnen: Es spielt nämlich sehr wohl eine Rolle, zu welcher Uhrzeit und an welchen Wochentagen bestimmte Medikamente verabreicht oder Diagnosen gestellt werden. Verordnet man etwa Montagfrüh gerne Antidepressiva, so kann es wohl mit der eigenen guten Laune nach dem Wochenende nicht weit her sein. (Burnout-Gefährdet?). Und werden Freitagnachmittag mehr Beruhigungsmittel verschrieben, so wird der Arzt ein ruhiges Wochenende im Auge haben (Arbeitsscheu?). Ganz zu schweigen von tollkühnen Off-Label-Verordnungen oder exotischeren und komplementärmedizinischen Behandlungen (Revoluzzer-Alarm!).

Auch Verwandtschaftsverhältnisse und Freundschaften können aufgedeckt werden, indem man die Zuweisungen mit dem Facebook-Profil eines Kollegen abgleicht. Vorsicht ist daher bei der Freundschaftsanfrage eines Sozialversicherungsträgers geboten. Vor allem dann, wenn man vorhat, die letzte feucht-fröhliche Fete im OP zu posten. Da oftmals undercover vorgegangen wird, warnt die ARGE, Daten in diesem Zusammenhang auch vor Freundschaftsanfragen von „Kranki“, „Kassi“, „WiGiKKi“, „ELGI“ oder „HVB-Mausi“.

Ich wage hier eine Prognose, indem ich behaupte, dass es für die kommenden Ärzte-Generationen wahrscheinlich völlig normal ist, vor der Behandlung den Balkencode an der Stirn des Patienten einzuscannen und auf einen Sensor draufzuspucken, der über die DNA-Signatur des Mediziners den Zugang auf die Datenbank freigibt (bzw. den Zugang verwehrt, wenn im Sputum Restalkohol, eine ansteckende Geschlechtskrankheit oder die tagesaktuell genetische Neigung zu Ungehorsam detektiert wird).

Der Wunsch nach Kontrolle über unkontrollierbare Dinge wie Krankheiten, Patienten, Ärzte oder die Natur des Menschen ist die Triebfeder für solche Entwicklungen. Doch dass man selbst nicht kontrolliert werden möchte, scheint ebenso in der Natur des Menschen, der Ärzte, Patienten oder auch der Krankheiten zu liegen. Zufriedenheit und Vertrauen sind im friedlichen Auenland längst vergiftet worden durch den Ring der Kontrolle, den der kleine Dr. Hobbit gefunden und mitgebracht hat. Insofern sollten wir als bekennende Kontroll- Freaks nicht den ersten Stein werfen. Denn auch wir bestellen unsere Patienten nicht zu einem „netten Gespräch über Ihr Blut“ in die Ordination, sondern zur „Blut-Kontrolle“.

Dr. Ronny Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 5/2014

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