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Leben 21. Jänner 2014

Lieber treu als sexy

In der Partnerschaft ist heute mehr Beständigkeit als Qualität gefragt. Das gilt wohl auch für die Arzt-Patienten-Beziehung.

In einer aktuellen Untersuchung eines Österreichischen Marktforschungsinstitutes wollte man den gemeinen Menschen wieder mal als triebgesteuertes Wesen bloßstellen und befragte ihn nach seinem Wunschpartner. Man wartete gespannt auf die Ergebnisse: Sind denn aktuell nun große, schlanke Frauen, mit Beinen bis zum Himmel angesagt, oder haben kleine, dicke, aber reiche Männer mit Beinen bis zum Boden die besten Chancen am Heiratsmarkt? Sind es der Humor, die Attraktivität oder die Fähigkeit, fehlerfrei die Zahl Pi bis auf die hundertste Stelle genau zu rülpsen? Nun, nichts von alldem trifft zu.

Bei beiden Geschlechtern rangieren „Treue“ und „gepflegtes Äußeres“ auf den Top-Plätzen. Das ist gleichsam beruhigend wie deprimierend. Man kann es natürlich als Fortschritt werten, wenn nicht Haarfarbe, Oberweite, Muskelmasse oder der Inhalt des Portemonnaies auf den vorderen Rängen rangieren. Aber um Attraktivität, geschweige denn die viel gepriesenen inneren Werte, geht es heute auch nicht. Im Vordergrund steht, wie heute so oft, alleine die Sicherheit: Lieber einen Lebenspartner, den man auf ewig hat, als einen, den man auf ewig anziehend findet.

Der Wunsch nach Treue ist zwar durchaus verständlich, spricht aber jetzt nicht für ein rasend gutes Selbstwertgefühl. Auch der Wunsch nach gepflegtem Äußeren ist nachvollziehbar, aber Duschen finden sich heutzutage in fast jedem Haushalt (schau’n Sie mal nach!). Die Ansprüche an Partner sind also mehr als bescheiden.

Und jetzt kommen wir zu unserem Metier: Wenn Treue und ein gepflegtes Äußeres ausreichen, warum geben wir uns dann die Mühe, auch noch kompetent und empathisch zu sein? Anscheinend sind die Patienten zufrieden, auf einen Arzt zurückgreifen zu können, der immer verfügbar ist und sie nicht beschimpft. Das gibt ihnen die Sicherheit, die sie sich wünschen.

Umgekehrt wünschen wir uns ja auch (Therapie-) treue Patienten. Oft geht es nicht so sehr darum, ob die Tabletten im Einzelfall wirklich wirken, sondern ob sie eingenommen werden. Dann sind wir in der Partnerschaft zufrieden, loben die hervorragende Zusammenarbeit und unseren vernünftigen Patienten, der die Anweisungen strikt befolgt. Dass die Beschwerden unsere Anweisung zu verschwinden leider nicht befolgen, ist hier zweitrangig. Denn eine gute Therapie beginnt mit einer guten Compliance. Und bevor wir einen Patienten an einen anderen Arzt oder gar (Gott bewahre!) eine Person, die nicht einmal ein Arzt ist, verweisen, wurschteln wir einfach weiter.

So gibt es haufenweise Arzt-Patienten-Pärchen, die eine Art Zweckehe führen. Man begnügt sich damit, dass man einfach da ist. Wenn auch nur physisch. Denn insgeheim träumen Patienten schon von dieser einen Person, die sie auch wirklich gesund machen kann. Lassen wir sie ruhig schwärmen …

Dr. Ronny Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 4/2014

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