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Wilhelm Wagner bei Fotoaufnahmen in den Julischen Alpen.

Freischaufeln der Straße nach Lawinenabgang vom Rombon.

Zwischen den Fronten: eine Familie auf der Flucht.

Holzträger am Findenig.

© (5) Iris Hussl

Infanteriestellung im Hochgebirge.

 
Leben 21. Jänner 2014

Die Macht der Bilder

Ein fast vergessener Fotograf und ein Konvolut an Bildern: Im Nachlass des Lilienfelders Wilhelm Wagner fanden sich zahlreiche Aufnahmen, die das Leben an der Front in den Julischen Alpen im Ersten Weltkrieg eindrucksvoll dokumentieren.

Gegensätzliche Bilderwelten: Die Aufnahmen Wilhelm Wagners sind zweifach von besonderer Bedeutung. Zum einen hat er den Begründer des Alpinskilaufes, Mathias Zdarsky, vielfach im Bild festgehalten, und zum anderen zeichnet die Fülle der Fotoaufnahmen aus seiner Zeit an der Italienfront ein beklemmendes Bild des Kriegsalltags.

Wie Wilhelm Wagner Fotograf wurde, darüber kursiert eine Geschichte, die direkt mit dem Ski-Pionier Mathias Zdarsky zusammenhängt.

Fasziniert und wohl auch begabt für den neuen Sport, nahm Wagner am 19. März 1905 im Alter von 18 Jahren als Läufer am ersten Torlauf der alpinen Skigeschichte, den Mathias Zdarsky organisiert hatte, teil. Ein Schüler von Mathias Zdarsky, Wolf Kitterle aus Wien, hat im Gespräch mit Heinz Eppensteiner, Obmann des Bezirksheimatmuseums Lilienfeld, bestätigt, dass Zdarsky dem schmächtigen Burschen zur Kräftigung, den Aufenthalt in der freien Natur empfahl. Als Holzknecht sei er zu schwach, darum sollte er besser Fotograf werden. Ob Zdarsky die angehende Berufsfotografen-Karriere im Weiteren finanziell gefördert hat, lässt sich nicht sagen. Aus den erhaltenen Fotografien geht jedoch hervor, dass Wilhelm Wagner dessen wichtigster Fotograf wurde und nach 1905 eine beträchtliche Anzahl Fotos von Zdarsky aufnahm.

Als Berufsfotograf betrieb Wagner ein Foto-Atelier in Lilienfeld und schien in den Zeitschriften des „Internationalen Alpen-Skivereines“ als Landschafts-, Porträt- und Ski-Fotograf auf.

Mit der Kamera im Krieg

Fast wäre das Fotoarchiv Wilhelm Wagners, der, so Heinz Eppensteiner, ein unermüdlicher Chronist seiner Lilienfelder Heimat war, für immer verloren gegangen. Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, dass ein Teil der Abzüge gerettet wurde. Die Aufnahmen aus Lilienfeld und Umgebung weisen Wagner als versierten Fotografen aus. Die Mehrzahl der etwa 500 Aufnahmen stammen aber aus den Jahren 1916 bis 1917 und wurden im Kampfgebiet der Julischen Alpen aufgenommen. Wagner leistet dort wie auch andere Fotografen, bildende Künstler und Journalisten im k. u. k. Kriegspressequartier (KPQ) seinen Kriegsdienst ab. Sinn und Zweck dieser Einrichtung war klar auf Propaganda ausgerichtet. Das Fotokonvolut, das sich heute in Privatbesitz befindet, gibt unterschiedliche Einblicke in den Kriegsalltag, der nach der italienischen Kriegserklärung 1915 nicht nur zu den zwölf – für beide Seiten äußerst verlustreichen Isonzo-Schlachten – führte, sondern auch zu einem Mensch und Material zermürbenden Stellungskrieg im Hochgebirge. Die Verluste durch Lawinenabgänge und Steinschlag waren durch die exponierte Lage der österreichischen und italienischen Stellungen und deren Zugänge höher, als durch Kampfhandlungen. Schnee und Eis zwangen beide Seiten zum Bau von Kavernen. An der Marmolata wurde im österreichischen Frontabschnitt die „Stadt im Eis“ errichtet.

Überleben in Fels und Eis

Als Fotograf war Wilhelm Wagner Chronist des Kriegsalltags, ob in Fels und Eis oder beim Nachschub im Tal. Anhand der Fotos kann man Kälte und Nässe in dem in mehr als einer Hinsicht lebensfeindlichen Hochgebirgsraum nur erahnen. Nach Lawinenabgängen mussten in mühevoller Arbeit verschüttete Zugänge in meterhohem Schnee freigeschaufelt werden. Unsäglich schwierig war es daher Mensch und Material hoch in die Berge zu bringen.

Uwe Nettelbeck hat in seinem Buch „Der Dolomitenkrieg“ eindrücklich auf die katastrophalen Umstände und Folgen des Krieges im Hochgebirge hingewiesen. Zur Kälte kam eine nur notdürftige Versorgung der Verwundeten und quälender Hunger durch mangelnde oder schlechte Verpflegung. Das Wasser war oft ungenießbar, Feuerholz, das mühsam herbeigeschafft werden musste, rar. Dazu kam die ständige Angst, durch feindlichen Beschuss und absichtlich herbeigeführte Lawinenabgänge verschüttet zu werden. In den abgelegenen Gebirgsregionen des hochalpinen Karsts boten notdürftig errichtete Unterstände, Holzbaracken und in den Fels gebohrte Kavernen und Schneetunnel ein wenig Schutz.

Wilhelm Wagner hat aber auch imposante Bergpanoramen festgehalten, die wohl aus strategischen Gründen wichtig waren. Wagner erwies sich als Chronist, der obwohl offiziell bestellt und darum der Zensur untergeordnet, auch das eine oder andere Bild aufnahm, auf dem zerschossene Häuser und flüchtende Bewohner, nur mit dem Nötigsten bepackt, zu sehen sind. Von welcher Seite die Granaten abgeschossen wurden ist nicht vermerkt.

Wie verlustreich der Krieg an der Italienfront war, die von Bormio bis Triest reichte, das lässt sich an den heute noch bestehenden Soldatenfriedhöfen ablesen. Auch ihnen hat sich Wilhelm Wagner gewidmet und so die Zeugnisse sinnlosen Sterbens auf beiden Seiten festgehalten. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg führte Wilhelm Wagner sein Foto-Atelier fort. Am 25. September 1930 stürzte er bei Fotoaufnahmen von Lilienfeld von einem Felsvorsprung ab und verstarb. Das Fotogeschäft übernahm zunächst seine Witwe Katharina, dann der gemeinsame Sohn Wilhelm Wagner, der das Geschäft bis zu seiner Pensionierung betrieb. Die erhalten gebliebenen Bilder dokumentieren als wertvolle Zeitzeugnisse einen bedeutenden Abschnitt österreichischer Geschichte.

T. Kahler, Ärzte Woche 4/2014

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