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Leben 10. Jänner 2014

Alles bleibt schlimmer

Im Krankenhaus werden übermüdete Mediziner von noch übermüdeteren Ärzten abgelöst.

Mit den ärztlichen Arbeitsbedingungen steht es in der größten Klinik Österreichs (Name der Red. bekannt) nicht zum Besten. Jedes Mal, wenn ich die heiligen Hallen des medizinischen Olymp im Wiener AKH (upps, jetzt ist es raus) betrete und meinen lieben Kollegen K besuche, so bemerke ich den zunehmenden Verfall des lieben Kollegen K. Vor wenigen Monaten noch knapp vor dem körperlichen Zusammenbruch, steht er nun noch knapper davor und es dürfte auch tatsächlich eine Steigerung des Wortes Zusammenbruch geben. Sein weißer Kittel scheint ihn nun nicht mehr nur zu kleiden, sondern auch zusammenzuhalten, der gestärkte Kragen sorgt dafür, dass K. nicht im Stehen einnickt.

Geheimnisvoll und verschwörerisch geflüstert, als ob das Gesundheitssystem Ohren, wie die NSA, hätte, berichtet K, dass er nun seit etwa 420 Stunden wach sei, da ihm bei jeder Dienstübergabe der Kollege, der ihn ablösen sollte, kurzfristig vor der Nase weggekürzt wird. K ist müde, aber standhaft, die Ringe unter seinen Augen haben den Ehering am Finger längst überlebt.

Eigentlich sollten gerade wir Mediziner wissen, was gesund hält. Vor allem aber sollten wir dies nicht nur mit Worten, sondern auch in unseren Taten vermitteln. Denn es wirkt befremdlich, wenn die frisch eingelieferten Patienten gesünder aussehen als die behandelnden Ärzte. So etwas hat Symbolcharakter und macht ähnlich stutzig wie ein Fahrlehrer, der mit angezogener Handbremse losfährt, schmutzige Fingernägel bei Angestellten eines Nagelstudios oder saubere Fingernägel bei Angestellten eines Würstelstandes. Es kommt nicht von ungefähr, dass in den guten alten 1980er-Jahren Kollege Brinkmann von der Schwarzwaldklinik stets wie aus dem Ei gepellt, frisch geduscht, wohlriechend und voll konzentriert seine Patienten behandelte. Erst die späteren Ärzte-Serien thematisierten auch die Arbeitszeitmodelle (wobei Fernseh-Doktor Dreamy selbst nach drei Wochen Dauerdienst nicht einmal annähernd so bedient aussieht, wie Kollege K nach drei Stunden).

Unsere Patienten stehen der ganzen Diskussion etwas pragmatischer gegenüber. Man gönnt dem medizinischen Personal zwar durchaus auch erholsamen Schlaf, nicht jedoch, wenn man selber nicht schlafen kann. Sei es aufgrund eines Herzinfarktes, eines schweren Schädel-Hirn-Traumas oder aber auch wegen eines Hühnerauges.

In vielen Fällen bekommen wir nun die Rechnung präsentiert für unsere Leidenschaft, den Patienten zu erklären, dass sie ohne uns Ärzte nicht lebensfähig sind. Wenn wir nicht müde werden zu betonen, dass selbst ein harmloser Schnupfen unbehandelt in einer tödlichen Sepsis enden kann, dürfen wir uns nicht wundern, wenn unsere Patienten bereits mit rinnender Nase nachts in der Notfallambulanz stehen. – Ich bin schon gespannt, wenn ich K das nächste Mal besuche. Dann berichte ich Ihnen, ob es auch ein Superlativ des Wortes Zusammenbruch gibt.

Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 1/3/2014

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