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© W. Regal
Mumia vera
© Foto von Dr. Bernd Mader zur Verfügung gestellt

Standgefäß bzw. Aufbewahrungsbehälter für Mumia.

© historisch

Der Chirurg Ambroise Paré (1510–1590) aus Frankreich war kein Freund des Heilmittels Mumia.

© W. Regal

Kräuterbuch zur Herstellung der Mumia.

 
Leben 10. Jänner 2014

Der Pharao als Salbe

Lukrative Geschäfte mit magischen Heilmitteln.

Vierundzwanzig verschiedene Teile des menschlichen Körpers mussten Apotheken des 16. und 17. Jahrhunderts auf Lager halten. Neben dem begehrten „Armen-Sünder-Fett“ oder „Menschen-Schmaltz“ – das von einem „gesunden Menschen, der vom Leben zum Tod gerichtet wurde“, stammen musste –, Knochenmehl, Hirnschalenmoos, Harn, Urin, Ohrenschmalz und Speichel war es vor allem die „Ägyptische Mumie“, die zu den Schätzen jeder Apotheken-Materialkammer zählte.

Mumia nannten die alten Perser ein Heilmittel aus natürlich vorkommenden Bitumen oder Asphalt. Die pechähnliche Substanz war insgesamt sehr selten, aber das allerfeinste schwarze nach Petroleum riechende Erdpech „aus den Klüften hoher Berge“ mit seiner „geradezu Wunder wirkenden Heilkraft“ fand sich in einer Höhle im Kaukasus. Der Ort war streng bewacht und die Substanz durfte nur von „beeydigten“ Personen für den persischen König gesammelt werden. Dieser „verehrte zuweilen ein wenig von der köstlich Materie anderen Königen, seinen Freunden“. Das wertvolle Geschenk – der Ertrag eines Jahres war angeblich nicht größer als ein Granatapfel – erhielten etwa Ludwig XIV. (1638–1715) und die russische Zarin Katharina die Große (1729–1796). Mumia galt als Universalheilmittel, als hervorragendes Gegengift gegen alle Vergiftungen und „heilt alle Glieder und reinigt den Leib“.

Im 11. Jahrhundert kam das Wissen um die „wunderbare arzneiliche Wirkung“ der persischen Mumia auch nach Europa. Da das sagenhafte Heilmittel aber am europäischen Markt kaum oder nur in sehr geringem Ausmaß zur Verfügung stand, begann bald die Suche nach einem Ersatzprodukt. In den konservierten ägyptischen Leichen fand man ihn. Die bei der Einbalsamierung verwendeten Harze, Öle und Gewürze hatten im Lauf der Jahrhunderte ein teerartiges Konzentrat gebildet, das der persischen Mumia in Konsistenz und Aussehen sehr ähnlich war. Das war auch der Grund, warum in Europa die einbalsamierten ägyptischen Leichen die Bezeichnung „Mumia“ erhielten. Aus dem Wort Mumia wurde schließlich die Mumie, ein Begriff, der lange Zeit nur für konservierte ägyptische Leichen verwendet wurde. Der arabische Arzt Abd al-Latif (1163–1231) schrieb: „Die Harze, wie man sie in Körperhöhlungen der Toten in Ägypten findet, unterscheiden sich nur unwesentlich von den Eigenschaften des Minerals mumija; wo daher dieses schwierig zu beschaffen ist, mag Ersteres als Ersatz dienen.“

Heilmittel gegen fast alles

Lange dauerte es nicht, bis nicht nur die schwarze, harzige Substanz in den Sarkophagen und in den Körperhöhlen der Leichen, sondern die gesamte einbalsamierte Leiche und die Leinenbinden, mit denen sie umwickelt war, als Heilmittel verwendet wurden. Eine zermahlene Mumie mit Kräutern, Wein und Gewürzen vermischt, geschluckt bzw. als Salbe oder Brei zubereitet, galt als Wundermittel, als Heilmittel gegen fast alles. Den schwunghaften Handel mit den mumifizierten Leichen konnte selbst ein Verbot von mohammedanischen Ägyptern, die ihre Vorfahren nicht von Christen verspeisen lassen wollten, nicht unterbinden. Bauern buddelten unzählige Gräber aus und brachten die Mumien – manche wahrscheinlich wirklich aus pharaonischen Zeiten – nach Kairo und Alexandria, von wo sie mit Schiffen ins Abendland verschickt wurden. Für die ausländischen Kaufleute war der Handel mit den Mumien ein mehr als gutes Geschäft. Trotz der hohen Bestechungsgelder an die richtigen Leute waren die Gewinne enorm.

In Europa galt Mumia als erprobtes Medikament gegen Abszesse, Migräne, Knochenbrüche, Lähmungen, Epilepsie, Bluthusten, Herzklopfen, Übelkeit, Halsschmerzen, Erkrankungen der Leber und der Milz, Vergiftungen und viele, viele Übel mehr. Auch der Hinweis auf die Herkunft dieses makaberen Mittels beeinflusste die Verbreitung kaum. Das Vertrauen in die magische Heilkraft der Mumie war größer. Der Ritterkönig Franz I. von Frankreich (1494–1547) hatte für Notfälle ständig ein kleines Päckchen Mumia bei sich – er verzehrte die Substanz mit gemahlenem Rhabarber – und achtete streng darauf, dass bei allen seinen Reisen ein ausreichender Vorrat an Mumia mitgenommen wurde.

Aber nicht alle Ärzte befürworteten den Gebrauch von Mumia. Ihre Wirkung bei den „Medicis“ war „disputierlich und zwyträchtig“. Der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré (1510–1590) etwa verabscheute das „stinkende Zeug“. In seinem Aufsatz „Discours de la mummie“ geißelte er Leute, die keine Achtung vor den religiösen Bräuchen der alten Ägypter hatten. Sie hätten doch bestimmt nicht ihre Toten einbalsamiert, um jetzt als „Speise und Trank“ zu dienen. Außerdem helfe dieses „verfluchte Mittel“ keinem Kranken. Es verursache starken Brechreiz, Herz- und Magenkrämpfe, Übelkeit und Mundgeruch. Seiner Meinung nach war diese „Arznei“ schlimmer als jede Krankheit.

Starke Nachfrage aus Europa

Aber all das konnte die Nachfrage nach Mumia nicht bremsen. Grund dafür war das nach wie vor bestehende Vertrauen in die Heilkraft der kostspieligen Substanz, andererseits aber war der Handel mit Mumia mittlerweile ein gut organisiertes, höchst ertragreiches Geschäft. Um die fast unersättliche Nachfrage aus Europa befriedigen zu können, blieb den ägyptischen Händlern nichts anders übrig, als Mumien zu fälschen. Sie fabrizierten aus frischen Leichen, auch solchen, die an gefährlichen Infektionskrankheiten gestorben waren, in ein paar Monaten wertvolle „alte“ Mumien. Die Kaufleute kümmerte – Ähnliches soll es gerüchteweise auch heute noch geben – die Herkunft ihrer Ware aber wenig.

Wahr oder nicht wahr. Die Geschichte des „melifizierten Menschen“ verdient es in jedem Fall erzählt zu werden. In einer chinesischen Sammlung heilkräftiger Substanzen findet sich folgendes arabisches Rezept. Man nehme: Freiwillige 70- bis 80-jährige Männer, die bereit sind, bis zu ihrem Tod nur Honig („mel“ – lat. Honig) zu sich zu nehmen und darin auch zu baden. Stirbt der Märtyrer, wird seine Leiche in einen steinernen Sarkophag gelegt und in Honig eingeweicht. Der Sarg wird mit dem aktuellen Datum versiegelt und bleibt 100 Jahre verschlossen. Nach hundert Jahren wird aus den sterblichen Überresten ein menschliches Mumienkonfekt hergestellt. Innerlich angewendet lässt es bei Knochenbrüchen und verletzten Gliedmaßen die „Beschwerden augenblicklich verschwinden“. Li Shin-chen (1518–1593), der Verfasser einer „Chinesischen Materia Medica“ betont, dass er selbst nicht weiß, ob der Bericht über den Mumienkonfekt wahr ist.

Gefragtes Heilmittel bis ins 19. Jahrhundert

Zurück nach Ägypten. Obwohl die ägyptische Regierung den Handel mit Mumie mit einer hohen Steuer belegte und ihre Ausfuhr aus Ägypten sogar verbot, konnte ein Export nie vollständig verhindert werden. Bis weit ins 19. Jahrhundert blieb ägyptische Mumia in Europa ein gefragtes Heilmittel. In den österreichischen Apotheken war Mumia bis 1843 offiziell und die Firma E. Merck in Darmstadt führte „Mumia vera Aegyptica“ noch 1924 in ihren Preislisten.

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 1/3/2014

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