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Leben 9. Dezember 2013

Der Visiten-Nikolo

Der schöne Brauch von heiligem Primar und Schwester Knecht Ruprecht steigert nachhaltig die Compliance unserer Patienten.

Zu Beginn der Adventzeit werden die Schirch-Perchten (zu Deutsch: semi-hübsch maskierte Jahres-Endzeit-Wesen mit politisch unkorrekt gefärbten Charakterzügen) von den ortsansässigen Sportvereinen auf die Bevölkerung losgelassen, um als Krampusse oder Gankerl die kalte Jahreszeit und den Schnee in die Touristen-Regionen hineinzutreiben. Musste man früher bei diesem Volksbrauch stets mit gefährlichen Rutenhieben von alkoholisierten Gruselgestalten rechnen, so sorgen in unserem Zeitalter des absoluten Reglementarismus Polizeiabsperrgitter für eine sichere Barriere zwischen dem Volk und dem Brauch.

Ich stelle mir vor, dass solche Bräuche durchaus ihren Sinn erfüllen können. Wie eingeschüchtert waren wir damals, als uns Kindern ein Krampus nachstellte oder der Heilige Nikolaus in seinem allwissenden Buch die Verfehlungen des letzten Jahres auflistete. Zwar waren die Schuhe vom Schulwart unter der weißen Soutane deutlich zu erkennen und der Bart hing seltsam verrutscht im Gesicht, doch die Erwachsenen hatten gute Erklärungen parat: Schließlich war der Schulwart ein frommer Mann, der stets seine Schuhe ausländischen Bischöfen zur Verfügung stellte; und der Umstand, dass es sehr windig war auf dem Rentierschlitten, konnte auch den schiefen Bart erklären. Auch unser Einwand, dass es doch eher der Weihnachtsmann sei, der mit Rentieren über den Himmel fahren würde, wurde mit der Entgegnung im Keim erstickt, dass der Weihnachtsmann nur eine Erfindung der Coca-Cola-Firma und das Jesuskind tausendmal besser sei. Bei so viel Verwirrung war es nicht möglich, am Wahrheitsgehalt der Gestalten zu zweifeln.

Bei erwachsenen Patienten verhält es sich nicht viel anders: Die Erscheinung eines heiligen Primars beim traditionellen Visiten-Umzug ist einfach Respekt einflößend. Da kann man noch so sehr auf die Schuhe blicken, die unter dem weißen Kittel hervorlugen – jene Schuhe, die man immer zu sehen bekommt, wenn sich dessen Besitzer in der Anstalts-Trafik der Klinik eine Stange Marlboro besorgt – der heilige Primar ist eben eine Institution!

Vielleicht könnte man aber die Visite noch etwas auffetten, indem man Krampusse zuvor Süßigkeiten und Zigaretten an die Patienten verschenken lässt, bevor sie von der Prozession der weiß bekittelten Ärzte in die Flucht geschlagen werden. Statt Schwester Rosa steht Knecht Ruprecht im Halbschatten des Chefarztes und verteilt die Ruten. Wenn die ganze Show auch nur halb so Respekt einflößend ist, wie sie für uns Kinder einst war, brauchen wir uns um die Compliance für das kommende Jahr keine weiteren Gedanken machen.

Übrigens: Wer einen Visiten-Nikolo zu sich nach Hause holen möchte, sollte früh vorbestellen. Denn die Nachfrage ist groß –, zumal die Krankenkasse den Hausbesuch bezahlt …

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