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Leben 9. Dezember 2013

Ärztekammer und Erste Bank prämierten wissenschaftliche Arbeiten

Vier Forscherteams in Wien mit dem Billroth-Preis der Ärztekammer sowie dem Erste-Forschungsförderungspreis ausgezeichnet.

Im Dezember wurden vier medizinische Forschergruppen aus Wien mit der Verleihung des Theodor-Billroth-Preises der Ärztekammer für Wien 2013 sowie des Forschungsförderungspreises der Erste Bank der oesterreichischen Sparkassen AG 2013 für ihre wissenschaftlichen Anstrengungen der letzten Jahre belohnt. Drei der prämierten Arbeiten kommen aus dem Bereich der Medizinischen Universität Wien, eine aus dem Orthopädischen Spital Wien.

Mit dem ersten Preis des Theodor-Billroth-Preises wurde Dr. Joanna Warszawska von der Klinischen Abteilung für Herz-Thorax-Gefäßchirurgische Anästhesie und Intensivmedizin der Wiener Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie ausgezeichnet. Warszawska beschäftigte sich in ihrer Arbeit mit der Prognose schwerer Lungenentzündungen.

Lipocalin 2 als Biomarker bei schweren Pneumonien

Lungeninfektionen stellen weltweit ein bedeutendes Gesundheitsproblem dar. Trotz antibiotischer Therapien und Fortschritte bei Impfungen bleiben Pneumonien die häufigste Todesursache bei Kindern. Auf alle Altersgruppen bezogen, ist Pneumonie weltweit führend unter den Krankheiten, die eine Behinderung und Arbeitsunfähigkeit verursachen.

Ansatzpunkt der nun prämierten Arbeit von Warszawska ist das sogenannte Lipocalin 2, ein Glykoprotein mit antimikrobieller Wirkung gegen Bakterien wie Escherichia coli oder Klebsiella pneumoniae. Die Wirkung beruht auf der Fähigkeit von Lipocalin 2, den genannten Bakterien Eisen zu entziehen und so das Bakterienwachstum zu hemmen.

Bei Patienten mit schwerer, beatmungspflichtiger Pneumonie finden sich meist hohe Lipocalin 2-Konzentrationen. Auffallend dabei ist aber, dass auch bei mit Lipocalin 2-resistenten Keimen infizierten Patienten die Lipocalin 2-Werte in der Lunge stark erhöht sind. Die diesbezügliche Bedeutung von Lipocalin 2 wurde bisher noch nicht wirklich verstanden. Hier setzte Warszawska in ihren Untersuchungen an und konnte mithilfe eines Pneumokokken-Pneumonie-Modells zeigen, dass Lipocalin 2 die Eliminierung der Bakterien und das Überleben des Patienten signifikant beeinträchtigte.

Analog dazu zeigten sich bei Überlebenden einer Gram-positiven Pneumonie signifikant niedrigere Lipocalin 2-Konzentrationen in der Lunge, verglichen mit den Nicht-Überlebenden. Mithilfe diverser zellbiologischer Techniken gelang es dann schließlich, den zugrunde liegenden Mechanismus zu entschlüsseln. Demnach dämpft Lipocalin 2 die Entzündungsantwort durch Verstärkung der Ausschüttung von IL-10, einem potenten entzündungshemmend wirksamen  Effektormolekül. Als Konsequenz dieser Wirkung kommt es zu einer Beeinträchtigung der Immunantwort mit einer verminderten Anlockung von neutrophilen Granulozyten, welche letztendlich die so wichtige Eliminierung der Bakterien verzögert. Diese ineffiziente Immunantwort führt letztendlich zu einer höheren Sterberate bei der Pneumokokken-Pneumonie.

Warszawskas Untersuchungen erlauben nun erstmals, eine negative Rolle von Lipocalin 2 bei schweren Infektionen mit Streptokokkus pneumoniae aufzuzeigen und weisen auf eine mögliche Rolle von Lipocalin 2 als Biomarker bei schweren Pneumonien hin - was zukünftig eine deutlich besser Diagnostik ermöglicht.

Arthroskopie bei unklaren Handgelenksschmerzen empfohlen

Zweiter Preisträger des Theodor-Billroth-Preises ist Dr. Sebastian Farr von der Abteilung für Kinderorthopädie des Orthopädischen Spitals in Wien Speising. Seine Arbeit bringt neue Erkenntnisse in der Diagnostik von Handgelenksschmerzen bei Kindern und Jugendlichen.

Während akute Handgelenksschmerzen im Kindes- und Jugendalter meist traumatisch, etwa durch Überlastung in Sport und Freizeit, bedingt sind und in der Regel erfolgreich durch konservative Maßnahmen behandelt werden können, ist die derzeitige Literaturlage über Ursachen von chronischen Handgelenksschmerzen äußerst spärlich. Ziel der von Farr geleiteten Studie war es daher, häufige pathomorphologische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Handgelenksschmerzen zu erfassen und die arthroskopisch gewonnenen Ergebnisse mit der präoperativen MRT-Diagnostik zu vergleichen.

In der Studie wurden retrospektiv bildgebende Verfahren sowie Arthroskopiebefunde von 39 Patienten (41 Handgelenke) mit chronischen Schmerzen und erfolgloser konservativer Therapie (mehr als drei Monate) evaluiert. Zum Zeitpunkt der Erstvorstellung in der Ambulanz gaben die Patienten (Alter: neun bis 19 Jahre) Schmerzen seit durchschnittlich 15 Monaten an.

Dabei konnten arthroskopisch und radiologisch mehrere relevante Pathologien erfasst werden, die mit chronischen Schmerzen assoziiert waren. In mehr als 80 Prozent der Fälle wurden Läsionen des sogenannten TFCC-Komplexes ("Meniskus des Handgelenks") sowie häufig angeborene Fehlbildungen der Hand oder Längenvarianzen der Elle diagnostiziert. Die präoperativ durchgeführten MRT-Untersuchungen konnten hingegen nur in 42 Prozent aller Fälle die klinisch relevanten Verletzungen des TFCC korrekt identifizieren.

Aufgrund dieser Ergebnisse empfehlen die Autoren bei anhaltenden Schmerzen, erfolgloser konservativer Therapie von mehr als drei Monaten und einem Hinweis auf etwaige Fehlbildungen die baldige Durchführung einer diagnostischen Handgelenksarthroskopie zum sicheren Ausschluss eines Problems innerhalb des Gelenks. Farr: "Unsere Studie sollte dazu beitragen, Kindern und Jugendlichen mit unklaren Handgelenksschmerzen die Leidenszeit deutlich zu verkürzen und eine raschere Therapieeinleitung zu gewährleisten."

Forschungsförderungspreise der Erste Bank

Erste Preisträgerin des diesjährigen Forschungsförderungspreises der Erste Bank der oesterreichischen Sparkassen AG ist Dr. Bianca K. Itariu von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Wiener Universitätsklink für Innere Medizin III. Sie beschäftigte sich in ihrer Arbeit mit dem Zusammenhang von extremen Übergewicht und Folgeerkrankungen wie Typ 2-Diabetes oder Herzerkrankungen.

Adipositas entsteht durch übermäßige Kalorienzufuhr und nimmt weltweit epidemische Ausmaße an. Damit assoziierte Folgeerkrankungen führen zu einer erhöhten Mortalität der betroffenen Patienten. Aus diesem Grund ist die Prävention von Komplikationen entscheidend für die Prognose adipöser Patienten.

In den letzten Jahren wurde klar, dass eine chronische geringgradige Entzündung, die vom Fettgewebe ausgeht, wesentlich zur Entwicklung von Typ 2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beiträgt. Langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren der Omega 3-Familie wirken hier anti-entzündlich, reduzieren das kardiovaskuläre Risiko und könnten damit die Fettgewebsentzündung reduzieren, was das Risiko der Entstehung eines Typ 2- Diabetes vermindern könnte.

Ziel der Arbeit von Itariu war es, die Wirkung einer achtwöchigen Behandlung mit Omega 3-Fettsäuren auf die adipositasassoziierte Fettgewebsentzündung in hochgradig adipösen nicht diabetischen Patienten zu untersuchen. 55 Patienten wurden entweder mit Omega 3-Fettsäuren oder – als Kontrolle - mit Butterfett randomisiert behandelt. Am Ende der Behandlung wurden die Unterschiede in der Fettgewebsentzündung auf Genexpressionsebene untersucht.

Das Ergebnis: Verglichen zur Kontrollgruppe reduzierte die Behandlung mit Omega 3-Fettsäuren die Expression entzündlicher Gene im Fettgewebe signifikant. Zugleich stieg durch die Behandlung mit Omega 3-Fettsäuren auch die lokale Konzentration von entzündungshemmenden Lipidmediatoren im Fettgewebe an. Solche Lipidmediatoren wurden damit erstmals im menschlichen Fettgewebe nachgewiesen.
Darüber hinaus reduzierten Omega 3-Fettsäuren auch die Konzentration zirkulierender Entzündungsmarker und der Serum-Triglyzeride. Damit konnte Itariu zeigen, dass Omega 3-Fettsäuren günstige Wirkungen auf das Fettgewebe adipöser Patienten haben und so zu einer Verminderung des Gesundheitsrisikos dieser Patienten für Folgeerkrankungen führen könnten.

Die Arbeit ist im "American Journal of Clinical Nutrition", dem internationalen Topjournal für Ernährungsstudien, erschienen.

Impfstoff gegen Birkenpollenallergie ohne Nebenreaktionen

Um eine neue Impfung gegen Birkenpollenallergien ging es in der Arbeit von Dr. Katharina Marth vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien. Weltweit leiden mehr als 100 Millionen Menschen unter Allergien gegen Birkenpollen. Die einzige Therapieform, die diese Erkrankung ursächlich behandelt und ein Fortschreiten verhindern kann, ist die allergen-spezifische Immuntherapie.

Die derzeit angewandten Impfstoffe sind von wechselnder Qualität, weil sie als Rohallergenextrakte aus Pollen gewonnen werden. Patienten müssen über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren oft mehr als 20 Impfungen pro Jahr erhalten oder bis zu täglich Tropfen oder Tabletten einnehmen. Zudem kann die Verabreichung der natürlichen Allergenextrakte allergische Reaktionen und Nebenwirkungen beim Patienten auslösen.

Die von Marth publizierte Arbeit berichtet die Entwicklung eines vollsynthetischen Impfstoffs für Birkenpollenallergie der in technisch gleichbleibender Qualität und in ausreichenden Mengen hergestellt werden kann und viele Vorteile gegenüber den bisherigen Impfstoffen aufweist. Die Ergebnisse versprechen, dass der neue Impfstoff keine schweren allergischen Nebenreaktionen auslöst und dass ein Impfschutz mit nur vier Injektionen pro Jahr erzielt werden kann.

Der durch gezielte Veränderung des Birkenpollenhauptallergens, Bet v 1, hergestellte Impfstoff liefert schützende Antikörper und soll die Entwicklung von Toleranz gegen das Allergen fördern. Auf Basis dieser Arbeiten kann nun mit der Behandlung erster Patienten in klinischen Studien begonnen werden. Die Arbeit wurde im renommierten „Journal of Immunology" veröffentlicht.

 

Presseaussendung der Wiener Ärztekammer/TF, springermedizin.at

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