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Leben 4. Dezember 2013

Gute Kritiken

Auszüge aus dem aktuellen Spitals-Gault-Millau.

Wir sind es gewohnt, Dinge, die wir nicht kennen, von anderen Menschen beurteilen zu lassen. Schon seit frühester Kindheit an. Mussten doch zuerst die Eltern ran und jedes Löffelchen mit püriertem Putenfilet an Safran in Wacholderbeer-Chili mit Babykarotten vorkosten, bevor wir uns dazu bequemten, auch ein Löffelchen zu verzehren. Geschwistern oder Freunden ließen wir den Vortritt, wenn es darum ging, wie viel Gewicht ein morscher Ast aushielt oder ob man den Weidezaun mit der Zunge berühren konnte, ohne tot umzufallen.

Im Erwachsenalter lassen wir professionelle Vorkoster in Theateraufführungen oder Restaurants gehen, bevor wir uns selbst ein Urteil bilden. Wir sind angewiesen auf Top-10-Listen, Sterne und Hauben oder Kommentare erfahrener User, da wir schon verlernt haben, selbst zu erkennen, was gute Kunst, gutes Essen oder gute Youtube-Nasenbohr-Videos sind. Kritiker löffeln für uns die Suppe aus, in die sie zuvor hineingepinkelt haben, sodass dann allen der Appetit vergeht.

Auch Spitäler müssen sich zunehmend bewerten lassen. Am freien Markt wird „ge-ratet“, „ge-rankt“ und „ge-bestenlistet“, was das Zeug hält. Also brauchen wir auch hier Berufskritiker, die das Krankenhaus plus Inhalt für uns bewerten. Hier einige Zitate aus dem bekannten chirurgischen Kritikerblatt „Stylish-Cut“: „Herr Doktor K. in der Schnittführung bemüht, scheitert an den komplexen Anforderungen dieser Operation.“ (…) „Die Visite kam therapeutisch fundiert, doch sprachlich wenig sattelfest rüber.“ (…) „Wer bis dahin noch nicht genug gelitten hatte, durfte den quälenden Ausführungen des Abteilungsvorstandes lauschen.“ (…) „Die urologische Station ist bekannt für stylische Harnbecher sowie den besten Harnkatheter der Stadt.“ (…) „Die feine Suppe von der Erbswurst überzeugte durch eine solide Einbrenn, die ihresgleichen sucht. Küchenchefin Paula F., die mit regionalen und saisonalen Speisen die Gaumen der Patienten verwöhnt, zaubert im Hauptgang des kalorienreduzierten Schonkost-Menüs einen Pangasius auf den Teller, der nur durch das fein passierte Apfelmus aus der Großküchen-Dose getoppt wird.“ (…) „Der Gesamteindruck des Krankenhausaufenthaltes war durchwachsen. Das hatte man schon anderenorts besser gesehen. Um Originalität buhlend müht sich ein sichtlich überfordertes Stationsteam um die Patienten, gibt sich jedoch in der zwischenmenschlichen Interaktion uninspiriert. Der Entlassungsbrief darf jedoch durchaus als kreativ bezeichnet werden. Alles in allem: In so einer Top-Klinik darf man wohl Besseres erwarten.“

Endlich wissen die Patienten schon im Vorfeld, was sie zu erwarten haben. Und für die Kritiker bleibt zu hoffen, dass sie selbst niemals krank werden …

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