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Andreas Vesal (1514–1564), Padua, bildete in seinem berühmten anatomischen Werk „De corporis humani fabrica libri septem“, erschienen in Basel 1543, erstmals zwei Gehörknöchelchen ab, die er „Hammer und Amboss“ nannte.
© Wolfgang Regal

Präparat von Joseph Hyrtl (1810–1894)

Adam Politzer (1835–1920)

Marchese Alfonso Corti (1822–1876)

Antonio Maria Valsalva (1666–1732)

Gabriele Falloppio (1523–1562)

Bartholomeo Eustacchio (1520–1574)

© (8) historisch

Ernst Reißner (1824–1878)

 
Leben 20. November 2013

Der lange Weg zur Ohrenheilkunde

Das Organ der Seele.

Magisch, mystisch, spekulativ und ungewöhnlich lange war die Frühzeit der Ohrenheilkunde. Ursache dafür war die versteckte Lage des Gehörorgans und der komplizierte anatomische Bau. Obskure Therapien bei Erkrankungen des Ohres gab es viele, anatomische Kenntnisse über das Organ waren aber kaum vorhanden.

Eine seltsame Vorstellung von der Funktion der Ohren hatten die alten Ägypter. Zum rechten Ohr, so dachten sie, zieht ein Gefäßstrang mit dem Pneuma des Lebens, während das linke Ohr vom Todeshauch, dem tödlichen Pneuma durchströmt ist. Es waren aber auch ägyptische Ärzte, die erstmals in der Mitte des 2. Jahrtausend v. Chr. Schwerhörigkeit auf eine Erkrankung der Ohren zurückführten. Die Babylonier weissagten den Neugeborenen aus der Form ihres rechten Ohres ihr künftiges Schicksal. Bei den alten Hebräern wieder waren makellose Ohren unumgänglich, um Priester zu werden und Tiere mit Missbildungen an den Ohren waren als Opfertiere ungeeignet.

Eigentümlich auch die Hörtheorie der vietnamesischen Annamiten: Für sie war das Ohr von einem kleinen Tier bewohnt. Das Ohrenschmalz hielten sie für seine Exkremente und Ohrengeräusche entstanden beim Kampf des Tierchens gegen Eindringlinge oder Fremdkörper. Taubheit entstand, wenn das Tier, die miteinander in direkter Verbindung stehenden Ohren verließ. Für die Chinesen, wie für viele andere Völker standen die Ohren mit den Nieren oder mit der Galle in direkter Verbindung. Wahrscheinlich wegen der Farbe und des bitteren Geschmacks des Ohrenschmalzes.

Das rechte Ohr als Tor der Seele ist eine Vorstellung, die nicht nur bei Ägyptern, Griechen, Mongolen und Indern zu finden ist. Auch für die Christen war das Ohr jenes Organ, durch das die göttliche Empfängnis und sogar Geburt stattfand. Bekannt ist eine Darstellung aus dem 15. Jahrhundert an der Marienkapelle in Würzburg, wo Gott der Jungfrau Maria über einen Schlauch seinen „Lebenshauch“ ins – eigenartigerweise aber – linke Ohr haucht. Auf diese Weise empfing und gebar Maria ohne dabei ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Die Basis dieses Mythos ist vermutlich die griechische Legende der „Kopfgeburt“ Athenes, die bekanntlich aus dem Kopf des Zeus auf die Welt kam.

Anatomische Beschreibungen erst ab dem 15. Jahrhundert

Jahrhundertelang waren die anatomischen Beschreibungen des menschlichen Gehörorgans recht dürftig und überdies meist falsch. Hippokrates beschrieb zwar als erster das Trommelfell, er sah es aber als „dünnes spinnwebartiges Gebilde“. Das wusste er wahrscheinlich nicht durch Sektionen – da hätte er gesehen, dass das Trommelfell eine relativ feste Membran ist –, sondern durch direkte Beobachtung des äußeren Gehörorgans im Sonnenlicht. Dabei sah er vermutlich in der Tiefe des Gehörganges einen Teil des Trommelfells glänzen. Erst ab dem 15. Jahrhundert gab es, da in dieser Zeit häufiger menschliche Leichen seziert wurden, genauere Erkenntnisse über die Anatomie des Ohres.

Andreas Vesal (1514–1564) in Padua bildete in seinem berühmten anatomischen Werk „De corporis humani fabrica libri septem“, erschienen in Basel 1543, erstmals zwei Gehörknöchelchen ab. Er nannte sie „Hammer und Amboss“. Den „Steigbügel“ entdeckte sein Schüler Philippus Ingrassia (1510–1580) im Jahr 1546 und Bartholomeo Eustacchio (1520–1574) beschrieb den Aufbau und die Funktion der später nach ihm benannten Tuba auditiva.

Für noch bedeutender als Vesal halten viele Medizinhistoriker jedoch den Anatomen und Praktiker Gabriele Falloppio (1523–1562). Er beschrieb den Fazialiskanal, den Verlauf des Gehörnerven, die Bogengänge, die Schnecke, die Fenster, das Trommelfell mit seiner Verbindung zu den Gehörknöchelchen und vieles mehr. Über seine Vorstellung, Töne entstünden durch eine „Ansammlung von Dünsten im Kopf“ und der putride Ausfluss aus dem Ohr sei ein „Exkrement des Gehirns“ möge man milde den Mantel des Schweigens breiten. Hier war der bedeutendste Anatom des 16. Jahrhunderts wohl noch immer Kind seiner Zeit.

Wichtige neue Erkenntnisse erhielt die Ohrenheilkunde erst wieder am Beginn des 18. Jahrhunderts. Mit seinem „Tractatus de aure humana“, erschienen 1704 in Bologna, machte sich Antonio Maria Valsalva (1666–1732) zum Begründer der Anatomie des Ohres. Sechzehn Jahre lang hatte er für dieses Buch „Tage und Nächte unter Kadavern zugebracht“, mehr als tausend Köpfe seziert und dabei seine Präparationsmethode zur Vollkommenheit perfektioniert. Das von seinem Schüler Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) später erweiterte und kommentierte Werk zählt trotz mancher Irrtümer zu den besten seiner Art. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es das Standardwerk über die Anatomie des Ohres.

Entwicklungen und Anatomen in Österreich

In Österreich war es der berühmte Anatom Joseph Hyrtl (1810–1894), der durch seine phantastischen Präparate zur vergleichenden Anatomie des Ohres weltweit Aufsehen erregte. Für Adam Politzer (1835–1920), dem „grand old man“ der Otiatrie in Österreich war Hyrtl der „glänzendste Repräsentant der vergleichenden Anatomie des Gehörganges“.

Eine Zeit lang als Assistent bei Hyrtl arbeitete der italienische Marchese Alfonso Corti (1822–1876). Mit einer von ihm entwickelten Färbetechnik entdeckte er 1851 die Schnittstelle zwischen den mechanischen Schwingungen eines Tones und den Signalen der Nerven in der Schnecke des Innenohres. Dieses Organ nannte der Schweizer Anatom Albert von Kölliker (1817–1905) bereits 1854 das „Cortische Organ“. Die zweite bahnbrechende Entdeckung der Otologie beschrieb 1852 Ernst Reißner (1824–1878): die nach ihm benannte Membran, die den Schneckengang von der Scala vestibuli trennt. Durch die beiden Entdeckungen von Corti und Reißner konnten erstmals Hörtheorien aufgestellt werden, die auch die anatomischen Verhältnisse im Ohr berücksichtigten.

Die Anatomie und pathologische Anatomie des Ohres waren auch die Lieblingsgebiete von Adam Politzer in Wien. Politzer, der Vorstand der 1873 gegründeten ersten Ohrenklinik im Allgemeinen Krankenhaus, machte Wien zum internationalen Zentrum der Ohrenheilkunde. Die von ihm hergestellten Präparate des Schläfenbeins waren bald so begehrt wie jene von Hyrtl. Durch seine meisterliche Präpariertechnik konnte nicht nur die normale Anatomie, sondern auch die feinsten histologischen Veränderungen des Gewebes bei Erkrankungen des Gehörorgans aufdeckt werden. Sein in mehrere Sprachen übersetztes „Lehrbuch der Ohrenheilkunde“ war Jahrzehnte lang der „Katechismus der Otologen“.

Nicht nur für profane Otologen war und ist das Ohr ein besonderes Organ. Schon für den niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam (1469–1536) war das Ohr etwas Außergewöhnliches: das „Organ der Seele“. Und er empfahl dringlich die geistige Sauberkeit, denn: „Wenn das Ohr verschmutzt ist, kann die Seele nichts hören.“

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 47/2013

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