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Leben 4. November 2013

Halloween, Starbucks und Guidelines

Aus den USA kommen eine Menge Bräuche, die über die Globalisierung auch hierzulande immer mehr Anhänger finden.

Die ältere Generation hat mitunter noch ein wenig Schwierigkeiten, wenn der Nachwuchs einen Tag vor Allerheiligen gruselig verkleidet von Tür zu Tür wandert und die Nachbarschaft in erpresserischer Weise mit den Worten „Süßes oder Saures“ bedroht, anstatt sich fromm auf einen aufregenden Friedhofsbesuch vorzubereiten. Den Kindern gefällt der frisch eingeflogene Brauch. Denn erstens gibt es einiges abzustauben und zweitens ärgert es die ältere Generation ein wenig, dass sich die Zeiten wieder mal ändern.

Halloween ist bekanntlich bei Weitem nicht der einzige Brauch, der uns Europäern von den Nachkommen unserer ausgewanderten Vorfahren, als Zeichen später Rache, geschickt wurde. Der US-amerikanische Lebensstil durchdringt über die Medien Gemeindebauwohnungen, Bergbauernhöfe und sogar urtypische Heimatmuseen, die auf Apple-iPads, als interaktive Museumsführer, zurückgreifen. McDonalds gilt als der erfolgreichere Würstelstand, Starbucks als der teurere verlängerte Braune und George Clooney als der smartere Klausjürgen Wussow.

Selbst unsere langjährigen medizinischen Erfahrungswerte werfen wir komplett über den Haufen, wenn eine neue Guideline von einer Gesellschaft herausgegeben wird, die ein „American“ vor dem Namen trägt. Die USA sind eben geil! Ein Professor, der ein Auslandssemester in einer angesehenen Universität „drüben“ in den Staaten absolviert hat, ist hierzulande begehrter am Arbeitsmarkt für Primariate, als ein Kollege, der in einer angesehenen Universität „drunten“ in Moldawien war. Und so mancher Mediziner legt seine Muttersprache Latein ab, um mit einigen geschickt eingestreuten englischen Fachbegriffen wie „anyway“, „well“, „isn’t it?“ oder auch „well, isn’t it anyway?“ Weltoffenheit und Kompetenz auszudrücken.

So miserabel kann das Gesundheitssystem der USA gar nicht sein: Für Mitteleuropäer sind Sachen, die über den großen Teich kommen, nun einmal einfach hip: Ob es sich um Filme handelt, um Smartphones mit angebissenen Äpfeln drauf oder eben die neuesten Guidelines, die als Kopiervorlage für die hiesigen medizinischen Leitlinien herhalten.

Ich selbst bin diesbezüglich eher skeptisch. Denn es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis man komplett amerikanisiert eine Gallenblasenoperation auf halbem Weg beenden muss, weil die Krankenkasse das Zunähen nicht berappt oder die Neuroleptika im Billa erhältlich sind (im Regal gleich links neben den Handfeuerwaffen). Nicht alles, was aus der neuen Welt kommt, ist unbedingt auch gut für die alte Welt. Isn’t it?

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