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Prinzessin aus „Prinzessin und Wassermann“, 1913

Die Lebens-Uhr, 1935

© (5) Österreichisches Theatermuseum

Richard Teschner (1879–1948)

Wassermann aus „Prinzessin und Wassermann“, 1913

Richard Teschner mit Figuren, 1914

 
Leben 4. November 2013

Ein anderes Theater

Mit seinem Figurentheater hat der in Leitmeritz an der Elbe geborene Richard Teschner Theatergeschichte geschrieben. Kaum ein anderer bildender Künstler hat die Idee des Gesamtkunstwerks so konsequent und vielschichtig umgesetzt.

Bis heute gilt er als einer der wichtigsten Begründer des Puppentheaters: Das Werk des Wahl-Wieners wird derzeit in der aktuellen Ausstellung „Mit diesen meinen zwei Händen. Die Bühnen des Richard Teschner“ im Österreichischen Theatermuseum am Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien, gebührend gewürdigt.

Selbst ausgewiesene Kenner und Liebhaber des Gesamtwerkes von Richard Teschner sind immer wieder von dessen künstlerischer Vielseitigkeit verblüfft. In der Druckerei seines Vaters konnte Teschner bereits vor seinem Studium an der k. k. Kunst-Akademie in Prag erste Erfahrungen mit Drucktechnik sammeln. Nach einem Studienaufenthalt in Wien kehrte er 1901 in seine Geburtsstadt zurück und richtete sich in der väterlichen Druckerei ein Atelier ein.

Bereits vor der Übersiedelung nach Wien 1909 zählte er zu den führenden Künstlern in Prag. Sowohl in den deutschen als auch in den tschechischen Künstlerzirkeln war dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gewisser nationalistischer Unterton bemerkbar. Wie in einem Beitrag des Ausstellungskatalogs geschildert, gab es aber in Prag außerdem eine secessionistische Strömung, in der internationale Einflüsse des Art Nouveau, Symbolismus und Jugendstil aufgenommen wurden. Teschners Grafik und Malerei blieben davon nicht unbeeinflusst. Die künstlerische Qualität, die er als Grafiker, Bildhauer und Maler entwickelt hatte, war später auch maßgeblich für alle Bereiche seines Puppentheaters.

Literarische Einflüsse

Neben den neuen künstlerischen Strömungen seiner Zeit war Teschner unter anderem nachweislich von Edgar Allen Poe, E.T.A. Hoffmann sowie von seinem Zeitgenossen Gustav Meyrinck und den Arbeiten des Malers Franz Sedlacek beeinflusst. Mit Gustav Meyrink schmiedete Teschner Pläne für eine gemeinsame Marionettenbühne, in die auch die Wiener Werkstätte mit einbezogen werden sollte.

Mögliche Einflüsse literarisch-künstlerischer Vorlagen von Hanns Heinz Ewers, Alfred Kubin oder auch Fritz von Herzmanovsky-Orlando auf das Werk Teschners wurden bislang noch nicht untersucht. Interessanterweise scheint es zudem weder Verbindungen zu Jules Vernes und seinen damals populären fantastischen Geschichten noch zu den um 1900 entstandenen Filmen des französischen Filmpioniers Georges Méliès gegeben zu haben. Neben Teschner gehörten Paul Brann und Ivo Puhonny zu den Pionieren des neuen Puppentheaters.

Nach der Übersiedelung nach Wien und der Heirat 1911 mit Emma Bacher-Paulick war Richard Teschner wirtschaftlich so weit unabhängig, dass er sich der Weiterentwicklung seines Figurentheaters widmen konnte. Auf der Hochzeitsreise in die Niederlande erlebte das Paar erstmals die Faszination des javanischen Puppentheaters. Die Führung der Figuren mittels Stäbchentechnik hat Teschner davon für das eigene Figurentheater übernommen. 1912 richtete er im gemeinsamen Haus in Gersthof seine erste eigene Bühne, den „Goldenen Schrein“ ein. Aufgeführt wurden Stücke nach javanischen Legenden. Unter anderen wohnten Gustav Klimt, Kolo Moser, Alfred Roller und Josef Hoffmann diesen Privat-Vorstellungen bei. Nicht immer hielt sich Teschner an überlieferte Vorlagen. Das Symbolistische und Groteske floss wie etwa im „Nachtstück“ 1913 thematisch mit ein. Material für seine Bühnenadaptionen boten auch der Böhmische und der Wiener Sagenkreis.

Neue Kunstform

Nie ging es dem Theatermagier darum, das Repertoire der großen Häuser en miniature nachzuspielen. Dagegen hat sich Teschner zeitlebens verwehrt. Das Puppentheater sollte eine neue, umfassende Kunstform darstellen. Um größtmögliche pantomimische Ausdrucksfähigkeit zu erreichen, war eine hohe Gelenkigkeit und präzise Handhabung der handwerklich äußerst anspruchsvoll gefertigten und kostümierten Figuren nötig. Viele Körperteile wurden nach Entwürfen aus Gips und Lindenholz geschnitzt, die stark beanspruchte aus Buchsbaum, moderne Kunststoffe wie etwa farbig-transparentes Cellon wurden bis Ende der 1930er-Jahre verwendet.

Die Ausführungen der Puppen erfolgten mit größter Sorgfalt. Die erhalten gebliebenen und heute im Bestand des Theatermuseums befindlichen Puppen und Bühnenausstattungen Teschners sind Zeugnisse seiner Vision eines neuen Theaters. Seine Vorstellung einer gänzlich anderen Theaterform konnte er erst mit der Präsentation des „Figurenspiegels“ 1920 annähernd verwirklichen. Dabei wurde die herkömmliche Guckkastenbühne durch ein kreisförmiges Bühnenportal mit einer sphärisch gekrümmten Glasscheibe ersetzt.

Ab Mitte der 1920er-Jahre gab es auch immer wieder Gespräche über Filmprojekte, die allerdings meist verworfen wurden. Das Medium Film erwies sich für Teschners gestisch-stumme und kammerspielartige Aufführungen als untauglich. Die erhalten gebliebenen dokumentarischen Filmaufnahmen von Aufführungen wie „Das Farbenklavier“ aus dem Jahr 1932 vermitteln jedoch einen lebhaften Eindruck von Teschners Spielpraxis.

Im November stehen als Rahmenprogramm dieser Retrospektive einige seiner Stücke im Österreichischen Theatermuseum wieder auf dem Spielplan. Die Gelegenheit, sie in der von Richard Teschner überlieferten Spielweise zu erleben, sollte man sich nicht entgehen lassen.

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