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Leben 28. Oktober 2013

Zwischen Skandal und Routine

Ärzte sollten wieder mit jenen Themen in die Schlagzeilen kommen, die ihnen gerecht werden.

Es herrschen gerade wieder mal unwürdige Zustände im größten Krankenhaus des Landes. So mancher meint sogar, diese wunderbare Institution würde vor die Hunde gehen, was wohl als unfeiner Angriff auf die Kollegen von der VetMed zu verstehen ist.

Unbestrittene Tatsache ist jedoch: Im AKH wird zu viel eingespart oder zu viel verprasst, je nach Sichtweise, es gibt zu wenig Personal oder zu viel (immerhin stehen bei jeder Operation mindestens ein halbes Dutzend Fachkräfte um einen einzigen Patienten herum!). Auf jeden Fall ist das dezente Bauwerk im Herzen des neunten Wiener Gemeindebezirks wieder mal in den Schlagzeilen. Seit dem ersten Spatenstich (wer hat den Spaten finanziert?) steht das Gebäude im Visier argwöhnischer Journalisten. Das ist schlecht für unser Image.

Wenn Mediziner in den Medien vorkommen, dann meist nur unter spektakulären Vorzeichen: „Arzt näht Hand wieder an, die er zuvor versehentlich abgeschnitten hat“, „Muslimische Niere in rechtsextremen Politiker verpflanzt“. Diese Überschriften gehen runter wie Butter: „Operateur entfernt das falsche Bein“, „Gynäkologe entbindet das falsche Baby“ oder „Hausarzt füllt falsches Antragsformular für die Gebietskrankenkasse aus“ – all das sind Schlagzeilen, die aufrütteln.

Was dabei aber völlig untergeht, ist der medizinische Alltag. Denn Headlines wie „Internist beurteilt Nierenfunktionsparameter“, „Chirurg entfernt laparoskopisch eine Gallenblase“ oder „Orthopäde ratlos vor dem EKG“ beschreiben nun mal lediglich das Tagesgeschehen und steigern nicht unbedingt die Auflage eines Mediums. So ist das Bild, das die gemeine Bevölkerung von Ärzten hat, sehr verzerrt. Selbst, wenn der Arzt des Vertrauens weder dubios noch reich, geschweige denn nobelpreisverdächtig aussieht, sondern schlicht und einfach nur nett und freundlich seine Arbeit macht, misstraut man dem Braten.

Klar bekommt so mancher Patient mit, wenn wir völlig übermüdet aus dem Nachtdienst in den Porsche torkeln, wenn aufgrund des überforderten Personals nicht nur die Ambulanz aus allen Nähten, sondern auch alle in der Ambulanz gesetzten Nähte platzen oder wenn der Arzt versehentlich seinen eigenen Namen auf das Rezept für die Antidepressiva schreibt. Aber so schlimm, wie in den Zeitungen behauptet, ist es um die heilende Zunft noch nicht bestellt.

Ein Großteil der medizinischen Tätigkeit ist Routine, zutiefst unspektakulär und hat die Öffentlichkeit nicht zu interessieren. Nicht einmal dann, wenn routinemäßig das falsche Bein entfernt wird.

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