zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 21. Oktober 2013

Die Leib(schüssel)-Seele-Problematik

Es ist kein Geheimnis, dass dem werten Befinden im Krankenhaus nicht ganz so viel Beachtung geschenkt wird, wie dem werten Befund.

In Wirklichkeit interessiert es uns doch nur mäßig, ob nun wirklich ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnt. Solange dieser Geist keine DSM-V-würdige Diagnose aufweist, soll er wohnen, wo er will. Schließlich lassen sich solche geistigen Angelegenheiten auf der Fieberkurve auch so schwer eintragen. Zwar gibt es schon neue Tools, mit denen man etwa den Schmerz objektivierbar auf einer Skala zwischen 1 und 10 ablesen kann, aber wo genau liegt der Unterschied zwischen „Schmerz-7-tut-weh-wie-Sau“, „Schmerz-7-den-ein-Indianer-nicht- kennt“ und „Schmerz-7-pressen-Sie- mal-selber-einen-Medizinball-durch- Ihre-Harnröhre!!“. Die 7 bleibt nun mal eine 7. Klar, es gibt Zufriedenheitsfragebögen für unsere Patienten. Da werden aber eher Dinge abgefragt wie „Hat Ihnen das Essen geschmeckt?“ oder „Würden Sie unsere Klinik auch Ihren Feinden weiterempfehlen?“ und wir wissen auch, dass sich kaum ein Patient traut, sich an dieser Stelle allzu kritisch zu äußern.

Und ja, wir haben im medizinischen System Personen, die explizit dafür abgestellt sich, sich um das seelische bzw. psychische Wohl der Patienten zu kümmern: Die Krankenhaus-Seelsorger, die Krankenhaus-Psychologen, die Krankenhaus- Reinigungskräfte oder die Krankenhaus-schlecht-bezahlten-Hilfskrankenschwestern. Sie alle haben ein offenes Ohr für all das, was den Ärzten im Rahmen der Visite beim Abfragen der Punkteskala zum subjektiven Wohlempfinden durch die Lappen geht. Das reduziert uns jedoch wieder mal zu reinen Körper-Mechanikern, was wir nicht so gerne hören, denn schließlich sind wir ja „Ärzte der gesamten Heilkunde“ und nicht „Ärzte der gesamten Heilkunde, außer dem ganzen seelischen Zeug“.

Klar weisen wir zu Recht und immer wieder auf die Tatsache hin, dass das ganze seelische Zeug auch nicht honoriert wird. Nach dem Motto: Wir würden ja gerne ein paar einfühlsame Worte mit unseren Patienten wechseln, aber wer zahlt’s? Die Hilfskrankenschwester, die meist eher darüber Bescheid weiß, ob und wie belastend ein körperliches Zipperlein tatsächlich für einen Patienten ist, kann nun mal viel leichter erfragen, ob ein Patient nun schlecht geschlafen hat, der undankbare Sohn mal wieder nicht zu Besuch gekommen ist oder der undankbare Arzt wieder mal nicht zu Besuch gekommen ist. Der Mediziner kann sich hingegen beim Berechnen des LDL/HDL-Quotienten am Patientenbett mit solchen Nebensächlichkeiten nicht auch noch abgeben. Manchmal wär’s eben ganz hilfreich.

Ob es aber tatsächlich Sinn macht, im Rahmen einer Warzenentfernung ein psychoanalytisch orientiertes Gespräch zu beginnen, mag bezweifelt werden. Außer, der Patient hängt sehr an seiner Warze.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben