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Leben 14. Oktober 2013

Sorry, das waren die Hormone!

 So manche Körperfunktionsstörungen werden gerne als Ausrede für seltsames Sozialverhalten herangezogen. Zu Recht?

Dieser Tage ist mein rasend witziges und interessantes Buch über die Irrungen und Wirrungen der Hormone erschienen. Wobei dieser Drang zur Schleichwerbung getrost auch auf die Wirkung meiner eigenen Botenstoffe zurückgeführt werden darf.

Ich habe mich in den letzten Jahren nicht nur intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, warum Frauen so sind, wie sie sind, und Männer nicht wissen wollen, warum sie so sind, wie sie sind, sondern auch damit, ob die Hormone als Ausrede für zwischenmenschliche – nun sagen wir einmal – Verfehlungen herhalten dürfen.

Wenn der testosterongesteuerte Chef (oder auch die Chefin – ja, auch die hat in dieser Hinsicht „Eier“) in einer Melange aus Machterhaltungstrieb und stumpfer Geilheit die Mitarbeiter drangsaliert; wenn uns überbordender Stress in einen archaischen Entscheidungskonflikt zwischen Kampf, Flucht oder haltloses Besaufen drängt; wenn die Schwangerschaftshormone nicht nur die Frauen, sondern auch die zugehörigen Männer in eine als Fürsorge getarnte Anschaffungswut für das bevorstehende „Projekt Kleinkind“ treiben, dann haben die Hormone mehr mitzureden als so manch intellektuelles Gehirnareal.

All diese Verhaltensmuster hatten in der menschlichen Entwicklungsgeschichte einen Sinn. Heute wirken sie mitunter etwas verloren und deplatziert. So schert es unsere Stress-Hormone nicht, ob sie es nun mit einem Säbelzahntiger, einem Vorgesetzten oder mit einem vorgesetzten Säbelzahntiger zu tun haben; unseren Appetit-Hormonen ist es egal, ob ein frisch erlegtes Mammut oder ein randvoller Kühlschrank binnen Stunden aufgefuttert werden muss; und unsere Sexualhormone haben sowieso schon immer das gemacht, was sie für richtig gefunden haben und so manchen Währungsfonds-Chef nicht nur spitz wie Nachbars Lumpi, sondern auch spitz wie Lumpis Nachbar werden lassen.

... bösen Hormone

Es kann also der rationalste Mensch nicht in Frieden leben, wenn es den bösen Hormonen nicht gefällt. In sofern dürfen wir uns getrost auf unsere Botenstoffe ausreden. Oder auf die Gene. Oder die harte kindliche Sozialisierung mit dem Fernsehprogramm der 1970er-Jahre. Zumindest hilft es zu verstehen, wieso der Primar bei der Morgenbesprechung seine Alpha-Männchen-Position bis auf die Blutkonserve verteidigt oder der Oberarzt sein Auto immer am selben Parkplatz stellen muss (zum Glück pinkelt er nicht auch noch drauf). Ob das jedoch eine befriedigende Entschuldigung für das leidende Umfeld ist, sei dahingestellt.

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