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Leben 7. Oktober 2013

Kranksein für Führungskräfte

Ex-Spitzensportler sind als Referenten in der Wirtschaft höchst beliebt. Warum sollen nicht auch Ex-Ärzte ihre reichhaltigen Erfahrungen weitergeben?

Die Karriere eines Profisportlers dauert nicht ewig. Zu viele Verletzungen oder zu hohe Blutwerte für leistungssteigernde Substanzen können rasch aus einem hochgepriesenen „Adler“ ein auf dem medialen Rost zubereitetes „Grillhähnchen“ machen. Das weiß niemand so gut, wie die Profisportler selber, sodass sie in den aktiven Jahren gut dotierte Werbeverträge abschließen, und dafür sorgen, dass sie über die Reklame noch berühmter werden, als über die Medaillen.

Berühmtheit bedeutet nämlich auch, attraktiv für die Wirtschaft zu sein. Kaum ein Unternehmen, das etwas auf sich hält, lässt sich die glänzende Präsenz eines Promis im sonst so schmucklosen Ambiente eines Seminarraums entgehen. Hier wird nicht gekleckert, sondern mit den bekanntesten Sportlern des Landes geklotzt. Denn wer mit 200 Sachen einen Berg hinunterfahren kann, der kann wohl auch 20 semi-motivierte Führungskräfte aus dem mittleren Management zu Höchstleistungen anspornen. Die mittleren Manager können dann mit großen Augen staunen, wie man in der Kraftkammer monatelang auf den großen Auftritt hintrainiert, und mit mentaler Konzentration über die Vorstellung, dass Körper, Geist, Ski, Ski-Stock, und Ski-Hütte eine Einheit bilden, ein optimales Rennen fährt.

Lange noch werden sich die Seminarteilnehmer die Köpfe darüber zerbrechen, wo nun genau die Parallelen zwischen Stockeinsatz und Quartalsbilanz liegen, und warum man Firmenkonten nicht so wie einen Innen-Ski belasten soll. Einzig das Gleichnis, dass man nach einem Sturz rasch wieder auf die Beine kommen soll, scheint hilfreich zu sein (wobei Fußballspieler eher die Vorteile der „Schwalbe“ loben, nach der man tunlichst so lange liegen bleibt, bis der Schiedsrichter einen Freistoß gibt.)

Das können Ärzte auch. Und besser. Schließlich ist das Verkaufsgespräch wie ein guter Einlauf, Massenkündigungen im Betrieb lassen sich durchaus mit einer Gallensteinoperation vergleichen (denn wo zu viele Steine sind, stören die schließlich den Abfluss) und die unumgängliche militärisch-hierarchische Struktur im Operationssaal bildet ein ideales Vorbild für die moderne Mitarbeiterführung. So werden Firmen bald schon nicht nur Seminare von Spitzenathleten, wie „Das Leben ist ein Abfahrtslauf“, „Einkehrschwung für das börsennotierte Unternehmen“ oder „Die Angst des CEO vor dem 11-Meter“ angeboten bekommen, sondern auch von Spitzen-Ärzten wie dem Proktologen („Dem Unternehmen ins Rektum geblickt“), dem Dermatologen („Der Aktienmarkt mit Ausschlag nach unten“) oder dem Hausarzt („Mehr Trinken für Führungskräfte“). Buchungen bitte nur über mich, ich kassiere dann die fetten Vermittlungsprovisionen.

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