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Leben 30. September 2013

Verarzten kann ich mich selber!

 Obwohl das moderne Gesundheitssystem Wert auf mehr Kundenorientiertheit legt, scheint das für viele Patienten nur alter Wein in neuen Infusionsschläuchen zu sein.

In wenigen Tagen feiert das Bühnenstück „Verarzten kann ich mich selber“ auf den heimischen Kabarettbühnen Premiere. Ich habe es bereits gesehen: Es ist rasend lustig. Und ich kann das beurteilen, denn da ich auf der Bühne stehe, bin ich sogar näher am Geschehen dran als die erste Reihe. Diese interne Beurteilung eines Systems von den Protagonisten selber ist auch für das Gesundheitswesen typisch.

Früher waren die Rollen noch klar verteilt. Ein Arzt war als „Halbgott in Weiß“ unumstrittener Hohepriester der Gesundheit. Der Patient musste als unbedarftes Gemeindemitglied die meist in ungeschliffenem Latein formulierten Weisheiten der Mediziner glauben und nach bestem Wissen und Gewissen in die Tat umsetzen.

Diese patriarchalische Arzt-Patienten-Beziehung ist passé. Heute agiert man auf Augenhöhe. Wenn die Patienten im Glauben an diese neue Kundenorientiertheit dann aber doch stundenlang warten müssen, praktisch nichts bei ihrer Therapie mitzureden haben und bei der Visite nur als Anschauungsobjekt für die jungen Kollegen herhalten müssen, dann fühlen sie sich – genau: verarscht! Und wo der Arsch ist, ist der Anwalt auch nicht weit und die Klagefreudigkeit der Patienten ist heute groß.

Eine Umfrage zu Umfragen, quasi eine Meta-Umfrage, hat ergeben, dass die „Zufriedenheitsfragebögen“ der Krankenhäuser viel zu positiv ausfallen. Wenn man am Entlassungstag aus dem Spital einen Wisch zum Ankreuzen bekommt, was einem gut oder weniger gut gefallen hat, so ist die Beißhemmung groß, da man zum einen diese freundliche Schwester nicht brüskieren möchte, die einem den Zettel gegeben hat, zum andren nicht riskieren möchte, dass die weniger freundliche Schwester von einer negativen Kritik Wind bekommt, solange man noch an gefährlich aussehenden Geräten angehängt ist.

So jubeln die Krankenanstalten dieses Landes ob der rasend guten Ergebnisse zur Patientenzufriedenheit, die von „ich war noch nie so glücklich“ über „Essen in Haubenqualität“ bis hin zu „Wenn Urlaub, dann auf die Interne im LKH St. Blasius“ reichen. Die Hochglanz-Broschüren lassen zudem keine Zweifel zur Qualität der Klinik zu: Dankbare Patienten knien mit feuchten Augen vor dem Abteilungsleiter, der ihnen gerade das Leben gerettet hat, sie suchen sich das schönste HightechGerät aus, mit dem sie untersucht werden wollen; Ärzte, Pflegepersonal und Verwaltung schunkeln gemeinsam auf Weichzeichner-Fotos auf der sonnendurchfluteten Wiese vor dem Krankenhausgebäude. Hier gibt es kein Burn-out, keine Fehldiagnosen, keine unwirschen Kommandos an Patienten. Wer sich hier nicht wohlfühlt, dem ist wirklich nicht zu helfen. Und es bleibt den Patienten das schale Gefühl, wieder mal über den Tisch gezogen worden zu sein.

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