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Dem Inder Cowasjee wurde in Gefangenschaft brutal seine Nase abgeschlagen. Ein indischer Wundarzt konnte Cowasjees Nase erfolgreich rekonstruieren.

Der britische Chirurg Joseph Constantine Carpue war über die indische Methode der Nasenrekonstruktion so fasziniert, dass er sich genaue Angaben über die Operation besorgte.

© (6) historisch/W. Regal

Im Jahr 1597 publizierte Gaspare Tagliacozzi sein Traktat über die Rhinoplastik mit dem gestielten Lappen aus der Innenseite des Oberarms.

Der Chirurg Gaspare Tagliacozzi (1546–1599) aus Bologna konnte das Rätsel um die lange geheim gehaltene „italienische Methode“ der Rhinoplastik von Antonio Branca lösen.

Carl Thiersch (1822–1895) transplantierte statt dicke, hauchdünne Hautstücke und revolutionierte mit dieser Methode das Fachgebiet der wiederherstellenden Chirurgie in Leipzig.

Johann Friedrich Dieffenbach (1792–1847) erwarb durch seine Arbeiten in Deutschland große Verdienste in der wiederherstellenden Chirurgie.

 
Leben 30. September 2013

Psychotherapie mit dem Skalpell

Methoden zur Nasenrekonstruktion wurden bereits um etwa 500 v. Chr. in Indien beschrieben.

Die Nase war im alten Indien das Symbol für Rechtschaffenheit und Ehre. Folglich wurde der selbst verschuldete Verlust dieser Werte nach indischer Rechtsprechung durch Abschneiden der Nase bestraft. Eine grausame Strafe, nicht nur für „richtige“ Verbrecher. Auch Kriegsgefangene, Ehebrecher und Frauen, die ohne Erlaubnis ihrer Männer das Haus verließen, verloren so ihre Nase. Naturgemäß gab es daher in Indien viele Menschen ohne Nase. Ebenso naturgemäß entstanden hier aber auch seit Jahrhunderten operative Methoden, um diese Schmach zumindest halbwegs zu kaschieren.

Im Buch Sushruta Samhita, das vermutlich auf den Arzt Sushrata – er lebte etwa um 500 v. Chr. – zurückgeht, beschrieb „der Chirurg“, wie Sushrata auch genannt wird, bereits einige der alten indischen Methoden zur Rekonstruktion von Nasen. Das von ihm beschriebene Verfahren, bei dem aus einem gedrehten und nach unten geklappten Stirnlappen eine neue Nase gebildet wird, ist wohl die älteste bekannte Methode der Nasenplastik und damit der Beginn der plastischen Chirurgie. Mit einem passenden Blatt als Schablone markierte der indische Wundarzt auf der Stirn seines Patienten die Grenzen eines Hautlappens. Danach schnitt er die Umrisse bis auf eine „Brücke“ aus, drehte den gelösten Lappen um 180 Grad und legte ihn auf die angefrischten vernarbten Ränder der alten Nase. Unter dem Verband ließ er nun Wundrand auf Wundrand miteinander verwachsen. Da kein Stützgerüst verwendet wurde, dürfte die neue Nase aber eher ein faltiger Schlauch als eine Zierde fürs Gesicht gewesen sein.

Wie diese „indische Methode“ allerdings nach Sizilien kam, ist unbekannt. Ende des 14. Jahrhunderts jedenfalls operierten Vater und Sohn aus der Chirurgenfamilie Branca im Schwertkampf abgeschlagene Nasen zunächst nach der indischen Art, später dann, um die hässliche Narbe auf der Stirn zu vermeiden, nach einem vom Sohn entwickelten neuen Verfahren. Antonio Branca verwendete dabei die Haut des Oberarmes. Ihre später sogenannte „italienische Methode“ hielten die Brancas aus Gewinnsucht aber streng geheim.

Bedeutung von Tagliacozzis Operationstechnik nicht erkannt

Erst ein Jahrhundert später gelang es dem Professor für Anatomie und Chirurgie in Bologna, Gaspare Tagliacozzi (1546–1599), das Rätsel um das Verfahren zu lösen. Er publizierte sein Traktat über die Rhinoplastik mit dem gestielten Lappen aus der Innenseite des Oberarms erstmals im Jahr 1597. Darin beschrieb er die Methode der „italienischen“ Nasenplastik und illustrierte die Operationstechnik und das komplizierte System der Schienen und Bandagen zur Fixierung des Armes mit Zeichnungen. Die große Bedeutung und die vielfältigen Möglichkeiten dieser Methode wurden allerdings nicht erkannt. Nicht nur, dass man ihm seinen Bericht über die Nasenplastik nicht glaubte, er wurde sogar wegen seiner gotteslästerlichen Operation als Ketzer geächtet. Für die Kirche war diese das menschliche Antlitz verändernde Tätigkeit ein Eingriff in die göttliche Vorsehung. Nach seinem Tod schreckten noch dazu unheimliche Stimmen aus seinem Grab die Nonnen von San Giovanni Battista in Bologna. Tagliacozzis Leiche wurde exhumiert und in ungeweihter Erde bestattet. Sowohl die „indische“ als auch die „italienische“ Methode gerieten in Vergessenheit. Heute gilt Tagliacozzi als einer der Väter der plastischen Chirurgie.

Engländer fasziniert indische Methode

Im Jahr 1794 erschien im englischen „Gentleman’s Magazin“ ein Beitrag über den Inder Cowasjee. Als Ochsentreiber im Dienste des englischen Heers geriet er 1792 in Gefangenschaft des – besonders gegen gefangene Landsleute gnadenlos brutalen – Sultan Tipu Sahi. Der ließ dem Mann die Nase abschlagen. Ein indischer Wundarzt konnte Cowasjee aber, so berichtete das Journal, seine strafweise abgeschlagene Nase erfolgreich rekonstruieren. Die detailreiche Beschreibung der Operation veranschaulichte darüber hinaus eine genaue Zeichnung. Der britische Chirurg Joseph Constantine Carpue (1764–1846) war von dieser chirurgischen Meisterleistung derart fasziniert, dass er sich genaue Angaben über die bei den Indern angewandte Methode besorgte, und begann zu tüfteln und zu experimentieren. Erst nach zwanzig(!) Jahren eigenen Forschungen operierte er im Jahr 1814 erfolgreich einen britischen Offizier. Dem hatte nämlich eine intensive Quecksilberbehandlung allmählich seine Nase abgefressen. Seine erfolgreich operierten Fälle veröffentlichte Carpue 1816 in einer damals Aufsehen erregenden Dokumentation über die indische Methode der Rhinoplastik.

Parallele Weiterentwicklung in Deutschland

Etwa um dieselbe Zeit formte in Deutschland Karl Ferdinand von Graefe (1797–1840), der Leiter der chirurgischen Klinik an der Universität Berlin, zunächst nach der indischen, später nur mehr – um die große Narbe an der Stirn zu vermeiden – nach der von ihm verbesserten italienischen Methode, Ersatznasen. Sein Nachfolger Johann Friedrich Dieffenbach (1792–1847) erwarb sich nicht nur mit seinen Versuchen und Arbeiten über die „Ueberpflanzung völlig getrennter Hautstücke“ große Verdienste um die wiederherstellende Chirurgie. Mit dem Werk „Methode der Hautverpflanzung“, publiziert 1886, revolutionierte Carl Thiersch (1822–1895) in Leipzig dieses Fachgebiet. Im Gegensatz zu den bisher üblichen in ihrer ganzen Dicke transplantierten Hautstücken verpflanzte Thiersch mit dem Rasiermesser hauchdünn gemachte Hautstreifen. Die papierdünnen Hautstücke heilten innerhalb von etwa zehn Tagen meist problemlos ein, während bei der Übertragung dicker Haut oft ein großer Teil nicht einheilte und abfiel. Zusätzlich benötigten die stark geschädigten Entnahmestellen lange Zeit zur Heilung. Die Transplantation freier Epidermislappen beruht auch heute noch auf der von Thiersch beschriebenen Technik.

Nase als wichtiges Merkmal des menschlichen Gesichts

Heute kann praktisch jeder Defekt der Nase behandelt werden und dem plastischen Chirurgen gelingt es, selbst bei schwersten Entstellungen, neben der Funktionalität des Organs fast immer auch ein ästhetisches zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Der kosmetischen Chirurgie ist es heute möglich, jeder Nase jede nur gewünschte Form zu geben. Und das meist nicht aus Jux und Tollerei. Die Nase ist nicht nur im wörtlichen Sinn das hervorragendste Merkmal des menschlichen Gesichts. Ihr Verlust oder ihre Verstümmelung – manchmal aber auch nur ihre ungeliebte Form – ist oft nicht nur eine physische Beeinträchtigung, meist ist dies auch ein gewaltiges psychisches Problem. Der indische Arzt Sushrata sah das bereits um 500 vor Chr.: „Die Liebe zum Leben ist mit der Liebe zum eigenen Gesicht eng verbunden, daher schreien die Verstümmelten nach Abhilfe“.

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 40/2013

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