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© Lebenshilfe Wien/Zitronenwasser
Geschultes Personal kann intellektuell beeinträchtigten Patienten die Angst vor Untersuchungen nehmen.
 
Leben 30. September 2013

Barrierefrei und kompetent

Spezialambulanz für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Auch Menschen mit intellektueller und mehrfacher Beeinträchtigung werden manchmal krank und brauchen einen Arzt. Dann ist Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen gefragt. Mit welchen Herausforderungen man dabei zu tun hat, zeigt der Film "medINKLUSION Barrierefreie Medizin", zu sehen auf Youtube: www.youtube.com/watch?v=iAxd4hSXeyA.

Intellektuell beeinträchtigte Menschen benötigen in medizinischen Belangen besondere Betreuung. Sie zeigen teils atypische Schmerzreaktionen und können sich schwerer verständlich machen, oft auch nur nonverbal. Sie verstehen die Fachausdrücke nicht und können den Aufforderungen des medizinischen Personals meistens nicht nachkommen. Daher geraten sie leicht in Unruhe und bekommen Angstzustände, die auch zu Aggressionsausbrüchen und Schreianfällen bis zur Verweigerung jeglicher Mitarbeit führen können.

„Diese Menschen sind in Gefahr, medizinisch unterversorgt zu sein“, meint Bernhard Schmid, Generalsekretär der Lebenshilfe Wien. Er wünscht sich von Spitälern, dass sie sich auf diese Menschen besser einzustellen und den Umgang mit behindertenspezifischen Krankheitsbildern und ungewohnten Verhaltensweisen lernen.

Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien ist diesbezüglich vorbildlich: Neben einer Ambulanz für Gehörlose gibt es hier auch eine spezielle Ambulanz für Menschen mit intellektueller und körperlicher Beeinträchtigung. In dieser „Mehrfachbehindertenambulanz“ finden Betroffene und Angehörige einschlägig geschultes Personal vor. Einmal pro Woche werden hier bei Patienten mit mehrfachen Behinderungen notwendige Untersuchungen durchgeführt.

Anlaufstellen mit Fachkompetenz im Spital

Dass es mehr Drehscheiben dieser Art gäbe, wünscht sich die Lebenshilfe Wien. Ziel ist, dass Betroffene in Spitälern einen Anlaufpunkt vorfinden, der barrierefrei ist, das Personal auf den Umgang mit Menschen mit Behinderung geschult ist und über behindertenspezifische Krankheitsbilder Bescheid weiß. Erstuntersuchungen sind so leichter möglich und Fachwissen kann mit anderen benötigten Abteilungen unter einem Dach geteilt werden.

Leichte Sprache beim Arzt

Barrierefreiheit ist nicht nur bei räumlichen Gegebenheiten notwendig sondern auch in der Kommunikation. Hilde Fischer, Klientin der Gruppe ExAkt der Lebenshilfe Wien, erläutert: „Leichte Sprache ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten beim Arztbesuch wichtig. Dazu gehören kurze Sätze. Nur eine Information in einem Satz. Langsam und deutlich sprechen. Keine Fremdwörter verwenden. Schwierige Wörter erklären. Bilder und Symbole verwenden. Uns ist wichtig, dass wir wissen, was uns auf uns zukommt.“

Geduldige Befragung nimmt die Furcht

„Unsere Patientinnen und Patienten können Fragen wie: ‚Wo tut es weh? ‚ oder ‚Wie ist es mit der Verträglichkeit von Speisen?‘ meist gar nicht oder nur unvollständig beantworten“, berichtet OA Dr. Othmar Freudenthaler, Leiter der Mehrfachbehindertenambulanz am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien. „Wir sind daher auf Informationen von Betreuungspersonen, Familienangehörigen und auf vorhandene Befunde angewiesen.“ Das Gespräch mit den Patienten und den Betreuungspersonen sei ganz wichtig, um zum Kern des Problems vorstoßen zu können. Denn oft könne „furchteinflößende“ Diagnostik, wie Endoskopien, MRT- und CT-Untersuchungen, die meist nur in Narkose möglich sind, mittels eine sorgfältigen und geduldigen Befragung in Kombination mit der klinischen Untersuchung der Patienten vermieden werden.

Neue Richtlinie im KAV

Der Wiener Krankenanstaltenverbund KAV bietet Spezialangebote für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. „Die Mitarbeiter versuchen den Weg vom Schalter bis zum Bett so problemlos wie möglich zu gestalten“, betont Dr. Susanne Drapalik, Leiterin für Medizinmanagement und Sofortmaßnahmen im Wiener KAV. „Aktuell entwickeln wir eine Richtlinie zur Betreuung dieser Zielgruppe mit Experten aus dem KAV-Qualitätsmanagement und aus unterschiedlichen Gesundheitseinrichtungen.“

Schulung des medizinischen Personals

Der neu gegründete Verein „Very Unequal People“ (VUP Austria) hat sich zum Ziel gesetzt, Fachleute der medizinisch-pflegerischen und therapeutisch-pädagogischen Berufe in der medizinischen Versorgung von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zu unterstützen. „Mit Veranstaltungen zu relevanten Fachthemen streben wir eine Verbesserung der Aus- und Fortbildung von medizinischem Personal an“, so Dr. Maria Bruckmüller vom Verein VUP.

Die Tagung medINKLUSION, die VUP gemeinsam mit der Lebenshilfe Wien im September veranstaltet hat, war das erste Vernetzungstreffen von Betroffenen, Angehörigen, Behindertenverbänden und Gesundheitseinrichtungen.

Quelle: Presseaussendung KH Barmherzige Brüder Wien & Lebenshilfe Wien zum Pressegespräch „medInklusion – Barrierefreie Medizin“, Wien, 19. September 2013

Betroffene wünschen sich „leichte Sprache“

„Oft spricht der Arzt mit der Begleitperson über den Patienten. Der Patient sitzt daneben. Er versteht nicht alles, merkt aber, dass über ihn gesprochen wird. Das ist unangenehm.

Wir hätten gerne, dass der Arzt mit dem Patienten spricht. Und nicht über ihn, wenn er dabei ist.

Die Begleitperson kann dem Patienten übersetzen, was der Arzt gesagt hat. Einfacher wäre, wenn der Arzt gleich in „leichter Sprache“ mit dem Patienten spricht:

  • kurze Sätze
  • nur eine Information in einem Satz
  • langsam und deutlich sprechen
  • keine Fremdwörter verwenden
  • schwierige Wörter erklären
  • Bilder und Symbole verwenden
  • nachfragen, ob alles verstanden wurde

Uns ist wichtig, dass wir wissen, was auf uns zukommt!“

(Quelle: ExAkt, Klientengruppe der Lebenshilfe Wien)

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