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© (5) Thomas Kahler
Blick auf die Basilika St. Prokop.

Die Hintere Synagoge, erbaut Mitte des 17. Jahrhunderts.

Das ehemalige Haus des Kaufmanns Prager im Jüdischen Viertel.

Der ältere Teil des Jüdischen Friedhof mit Grabsteinen aus dem 18. Jahrhunderts.

Innenansicht der Hinteren Synagoge.

 
Leben 23. September 2013

Herbstausflug nach Mähren

Unweit von Znojmo liegt an den Ufern der Jihlava das Städtchen Trebíc. Ein Ausflug dorthin bietet Gelegenheit zu einer vielfältigen kulturhistorischen Entdeckungsreise.

Seit 2003 zählen die mächtige Basilika des Hl. Prokop, das Jüdische Viertel und der Jüdische Friedhof zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Fast wäre alles ganz anders gekommen. Ein Teil des in Trebíc seit 10 Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Bestandes, nämlich das Jüdische Viertel, wäre beinahe den Baggern zum Opfer gefallen. In den 1970er Jahren drohte den Häusern der Abbruch, um einer Plattenbausiedlung Platz zu machen. Jedoch aus Mangel an finanziellen Mitteln kam es nicht so weit. Das städtebaulich und kulturhistorisch einmalige Ensemble – in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnt – blieb somit erhalten. Mehr als 120 Gebäude bilden zusammen mit dem Jüdischen Friedhof die einzigen Zeugnisse der jüdischen Gemeinde in Trebíc. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden alle jüdischen Bewohner deportiert. Nach 1945 kamen nur zehn von ihnen, die überlebt hatten, in ihre Heimatstadt zurück.

Das Jüdische Viertel heute

Ein Besuch der engen Gassen mit Blick auf die niedrigen Häuser, die mittlerweile überwiegend – obwohl sie sich nahezu alle in Privatbesitz befinden – mustergültig restauriert wurden, hinterlässt einen unvergesslichen Eindruck: Die Vordere (Alte Synagoge) und Hintere Synagoge, das Rathaus, die Schule, das Krankenhaus sowie der Sitz des Rabbinats zeugt von der wechselvollen Geschichte des Jüdischen Viertels, dessen Abgeschlossenheit erst 1875 vollkommen aufgehoben wurde. Armenhaus und Krankenhaus wie auch die Schule wurden als soziale Einrichtungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert gegründet. Die Texttafeln an den jeweiligen Häusern dokumentieren und informieren beim Rundgang durch das Viertel über deren früheren Zweck und die früheren Bewohner.

Das „Haus für den Rabbi“ etwa stammt aus dem 17. Jahrhundert und hat Generationen von Rabbis als Amtssitz und Wohnstätte gedient. Die Vordere Synagoge (Alte Synagoge), erbaut in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil umgestaltet. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie beschädigt und Mitte der 1950er Jahre renoviert. Die Hintere Synagoge, erbaut um 1669, ist mit prachtvollen Fresken geschmückt. Sie wird heute als Ausstellungsraum genutzt.

Das Nachbarhaus des Seligmann Bauer dient als Museum und erlaubt einen Einblick in den Alltag einer jüdischen Familie in den 1930er Jahren.

Ein weiteres Haus in markantem Rot ist erwähnenswert. Es war lange Zeit im Besitz der Familie des Kaufmanns und Schultheiß Prager, in dessen Verantwortung die Ausübung der Verwaltungshoheit und Rechtspflege lag. Das Gebäude stammt aus dem 16. Jahrhundert und gehört, durch eine Ecksäule akzentuiert, zu den ältesten des jüdischen Viertels. Bemerkenswert in anderer Hinsicht ist der Gebäudekomplex der Häuser L. Pokorného 14 – 18. Im Jahr 1723 war es im Besitz von zehn Parteien. Aus Raumnot entstand eine verschachtelte architektonische Einheit. Ein Durchgang reicht durch den gesamten Bau bis hin zur Jihlava.

Städten der Erinnerung

Hoch über der Stadt und somit auch über dem Jüdischen Viertel befindet sich der Jüdische Friedhof mit etwa 3.000 Grabsteinen und einer Ausdehnung von ungefähr 12.000 Quadratmetern. Die historisch wertvollsten Steine stammen aus der Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts. Die parkähnliche Anlage wird von der Stadt gepflegt, ein Besuch des ältesten Teils ist wie eine Reise in die jüdische Vergangenheit der Stadt und der sie umgebenden Region. Der älteste erhaltene Grabstein ist mit der Jahreszahl 1625 datiert, viele der Steine sind stark verwittert, die Zeit hat an diesem Ort der Ruhe und Besinnung deutlich ihre Spuren hinterlassen.

Als besonderes Wahrzeichen des Friedhofs gilt die Zeremonienhalle am Eingang aus dem Jahr 1903, deren Interieur erhalten geblieben ist. Von der Anhöhe aus ist am anderen Ufer die aus Granitquadern erbaute Basilika des Heiligen Prokop weithin sichtbar. Der mächtige romanische Bau, ursprünglich eine Marienkirche, thront über Stadt und Fluss und zeugt von der einstmaligen Bedeutung des Ortes. Die um 1230 erbaute Basilika ist Teil des um 1100 gegründeten Benediktinerklosters und gehört zu den eindrucksvollsten Baudenkmälern Mährens. 1468 wurde sie von den Truppen unter Matthias Corvinus verwüstet. Über 200 Jahre diente sie anschließend als Stall, Lager und Brauerei. Dem berühmten tschechischen Architekten František Maxmilián Kanka ist es zu verdanken, dass die später dem Hl. Prokop geweihte Basilika in den Jahren 1725 bis 1731 restauriert wurde.

Wer sich in Trebíc aufhält, sollte nicht versäumen, den bedeutenden Bauten der Zwischenkriegszeit einen kurzen Besuch abzustatten. Vom bedeutendsten tschechischen Architekten dieser Zeit Bohuslav Fuchs gelten die einstige Stadtsparkasse aus den Jahren 1932 – 33 mitten im Zentrum und das Flussbad Polanka als beispielhaft für funktionalistische Architektur. Mit seiner gelb-blau-roten Farbgebung wirkt Letzteres äußerst zeitgemäß. Ein eindrucksvolles Beispiel des für Tschechien typischen Rondokubismus ist das Gebäude des Tusculum-Werkes (ehemalige UP-Werke) von Architekt Josef Gocár in der Susilova-Straße. Im Stadtteil Borovina trifft man zudem auf die erhaltenen Fabrik- und Wohngebäude der ehemaligen Bata-Werke, entworfen vom Architekten František Lydie Gahura.

Der kulturhistorische Bogen ist in Trebíc somit sehr weit gespannt, ein Herbst-Ausflug dorthin demnach mehr als lohnend.

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