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Leben 17. September 2013

Wahl der Qual

Während Österreich nun bald zur Wahlurne schreitet, herrscht innerhalb des Krankenhauses nach wie vor der monarchistische aufgeklärte Absolutismus.

Nun ist es also wieder mal an der Zeit, die Volksvertreter für die kommenden Jahre zu wählen. Man darf sich für eine der etablierten Großparteien entscheiden, die Opi immer schon gewählt hat, oder man äußert seinen Unmut über die Großparteien und über Opi und gibt seine Stimme diesem reichen Onkel, der kürzlich aus Kanada zurückgekehrt ist und viele süße Mitbringsel dabei hatte.

Im Spital brauchen wir uns mit derart profanen und lästigen demokratischen Dingen nicht auseinandersetzten. Der gute alte Josef der Zweite aus der guten alten Monarchie hat sich nämlich nicht nur mit dem Wiener Allgemeinen Krankenhaus einen Ehrenplatz in medizinischen Kreisen gesichert, sondern auch durch seinen praktisch umgesetzten aufgeklärten Absolutismus: „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“ ist ein Credo, das nach wie vor von leitenden Ärzten befolgt wird. Man ist nach Kräften (oder nach Lust und Laune) bemüht, die Untertanen gut zu behandeln, seien es Patienten, sei es Personal. Mitbestimmen? Wohl eher nicht.

Wenn schon nicht auf Lebenszeit, so zumindest bis auf (ganz viel) Weiteres sitzt der Abteilungsleiter am Thron und regiert mehr oder weniger rein absolut. Oder er reagiert mehr oder weniger absolut auf rein gar nichts. Verbesserungsvorschläge von angestellten Ärzten, vom Pflegepersonal oder gar von Patienten dürfen zwar vorgebracht werden, in der Regel ändert sich nichts.

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Chefs, die sich als Team-Leader verstehen, die Entscheidungen in der Gruppe treffen lassen, basisdemokratisch die Schnittführung bei der Hernien-Operation mit dem Patienten besprechen, auf Augenhöhe, auf Du und Du. Aber spätestens, wenn es um die Frage geht, wer den besten Parkplatz bekommt, hört sich der Spaß auf.

Sollte nicht aus den Reihen des Personals oder gar der Dauerpatienten eine Führungsperson gewählt werden? Alle fünf Jahre wird neu abgestimmt. Netter Gedanke, müsste man da nicht auch einen Wahlkampf in Kauf nehmen. Dann wären in der Vorwahlzeit die Krankenhausgänge mit Plakaten wie „Wir kämpfen für ein sauberes Gwand!“, „Wiener Blut für Wiener Patienten“ oder „Mehr Frauen an die Spritze!“ vollgeklebt. Der Herzspezialist wirbt mit „Kardiologie zuerst!“, der Pathologe mit „bei mir liegen Sie richtig“ oder, um die christliche Wählerschicht anzusprechen „ab jetzt geht es aufwärts“.

So verlockend die Idee, Demokratie ins Spital zu bringen auch sein mag: Was wäre ein Krankenhaus ohne die touristischen Highlights einer Monarchie, wie der traditionellen „Ablöse der Wachen“ bei der Dienstübergabe oder der bunten Militärparade bei der berittenen Chefvisite. Lang lebe Eure Hoheit, der Primar.

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