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Maronibrater, 1881; Foto von Emanuel Wähner

Wäschermädel, 1886; aus der Fotoserie „Wiener Typen“ von Otto Schmidt

Salamiverkäufer, um 1780; Johann Christian Brand, Kupferstich

Pülcher, 1886; Foto von Otto Schmidt

© (5) Wien Museum

„Hallo Dienstmann!“, 1952; Filmprogramm

 
Leben 16. September 2013

Echte Wiener Typen

„Wiener Typen“ lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Wien Museum. Sie spürt einem Phänomen nach, das vielerlei Facetten hat und darum kaum fassbar ist.

An ihren Rufen konnte man sie erkennen: das „Lawendelweib“, den „Wasserer“ oder den „Bandlkramer“. Die bis Anfang Oktober dauernde Ausstellung widmet sich einem sehr speziellen und erstaunlich umfangreichen Panoptikum origineller Wiener Typen.

Er gilt als Ahnvater der Wiener Typen. Die Rede ist vom „Lieben Augustin“. Liederlich leichtsinnig, man könnte auch sagen lebensfroh entging diese Sagengestalt den Fängen der Pest. Diese Legende geht auf Marx Augustin, einen beliebten Musikanten und Sänger aus dem Wien des 18. Jahrhunderts zurück, der erst im 19. Jahrhundert zu jener sagenhaften Gestalt geformt wurde.

Geprägt wurde das typisch Wienerische vornehmlich durch die Unterschicht, oft auch von den Menschen aus der Vorstadt, also von jenen, die für ihr tägliches Einkommen hart arbeiten mussten. Schusterbuben, Wäschermädl und Wanderhändler gehörten dazu wie Maronibrater, Werkelmänner oder der Fiaker. Es sind zumeist Berufsbilder, die schon während des 18. Jahrhunderts in Stichen und Porzellan-Figuren idealisiert festgehalten wurden. Berühmt wurden beispielsweise die ambulanten Händler durch ihre unüberhörbaren Kaufrufe, mit denen sie ihre Waren anpriesen. Als Typen kommen sie in Theaterstücken oft in überzeichneter Form vor. In der Zeit des Vormärz schöpften etwa Johann Nestroy und Ferdinand Raimund aus einem umfangreichen Typenreservoir. Unverwechselbare Charaktere erblickten auf diese Weise das Licht der Theaterwelt. Sie besitzen zweifellos Originalität, nur sind sie eben nicht authentisch.

Oftmals dienten diese Rollen als Sprachrohr, um die politischen Verhältnisse in der Ära Metternich anzuprangern. Die Stimme des Volkes, die der kleinen Leute verschaffte sich so Gehör, um unangenehme Wahrheiten zu äußern. Die Zensur und der Polizeiapparat reagierte darauf jedoch rasch und unerbittlich. Diese Gegensätze sind keineswegs nur typisch für die damalige Zeit, auch im 20. Jahrhundert gab es diese Spannung zwischen Rebellion und Staatsgewalt. Dafür sind die jungen Unangepassten und Aufmüpfigen ein Beispiel, die sich in Wien als Swing hörende und tanzende Schlurfs gegen die Indoktrinierung des Nationalsozialismus stellten. Als jugendkulturelles Phänomen gehören sie, die sich lose in sogenannten „Platten“ organisiert hatten, heute zu den fast vergessenen „Wiener Typen“.

Klischee und Wirklichkeit

Der Fotograf Otto Schmidt setzte den „Wiener Typen“ mit einer Serie von Charakterbildern in den 1880er- Jahren ein Denkmal. Eigentlich müsste man eher sagen, er setzte sie in Szene. Er ließ sie vor der Kamera im Studio vor einem entsprechend gemalten szenischen Hintergrund als Marktfrau, Pülcher oder Fiaker auftreten. Wie der Fotohistoriker Michael Ponstingl in seinem präzise erläuternden Text im Katalog zur Ausstellung feststellt, hat Schmidt also eindeutig Manipulation betrieben. Alle Aufnahmen sind Inszenierungen, die Akteure wechseln einfach die Rolle. Obwohl scheinbar ein authentisches Typenbild wiedergegeben wird, wird man als Betrachter getäuscht. Fotograf und Betrachter sind dennoch Komplizen. Denn die Adressaten dieser Bilder zogen statt des realistischen Abbildes den geschönten Blick auf die harte, oft trostlose Wirklichkeit vor. Die Aufnahmen sind somit keineswegs sozialkritisch gemeint. Otto Schmidts Fotoserien wandten sich an ein zahlungskräftiges Publikum, das sich auf diese Weise eine idealisierte Bildfolge typischer „Wiener“ im Kabinett-Format zusammenstellen konnte.

Im Gegensatz dazu hielt Arthur Schnitzler mit seinem „Reigen“ in einem abgründig-realistischen Panoptikum der Wiener Gesellschaft schonungslos den Spiegel vor. Und auch Ödön von Horváth hat in den „Geschichten aus dem Wienerwald“ seine Charaktere als „Wiener Typen“ desillusioniert gezeichnet. Der Schritt von dort ins Groteske ist im Übrigen nicht weit: Im literarischen Werk Fritz von Herzmanovsky-Orlandos wimmelt es nur so von skurrilen Typen, und eine Vielzahl von Charakterfiguren aus dem Wiener Milieu findet sich darin oftmals überzeichnet, aber durchaus treffend wieder.

Typ oder Wiener Original?

Hans Moser als Dienstmann verkörpert eine der charakteristischen Seiten des „typischen Wieners“: raunzend, biedermeierlicher Gemütlichkeit nachtrauernd, in die Welt – also Wien – geworfen, mit dem eigenen Schicksal hadernd. Das personifiziert Wienerische in all seiner Doppelbödigkeit ist auch durch Helmut Qualtinger in der Figur des „Herrn Karl“ verewigt. Hier kommt noch eine gehörige Portion Grobheit und Opportunismus hinzu. Wieder ist es ein Volksschauspieler, der diesem „Typen“ all diese Eigenschaften verleiht, um den Zuseher glauben zu lassen, dies sei authentisch. Und doch steckt in jeder vorgefassten Meinung bekanntlich ein wahrer Kern. Besondere Charaktere enthalten – auch wenn sie überzeichnet sind – somit auch Wesentliches. Der Fiaker und der Ober im Café, der eine devot-grantelnd, der andere souverän-herrschend, sowie die teils noch anzutreffenden Hausmeister bergen auch heute noch so manche Charakterzüge des Wien-Typischen in sich.

Mit dem Verschwinden vieler Berufe wie etwa dem des Laternenanzünders, des Gaskassiers oder des Aschenmanns verschwanden jedoch die damit verbundenen typischen Erscheinungsbilder aus dem kollektiven Gedächtnis. Manchmal begegnet man noch einem dieser „Wiener Typen“, aber sie sind rar geworden – die Gigerl, die windigen Falotten – oder gar still, sang- und klanglos ausgestorben, die feschen Wäschermadln und die frechen Schusterbuben.

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