zur Navigation zum Inhalt
© Sandkühler
Wo einst die Pathologie des alten AKH residierte, befindet sich heute das Zentrum für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien.
© MedUni Wien (3)

Jürgen Sandkühler leitet seit 2007 das Zentrum für Hirnforschung.

Für die Forschungen von Hellmuth Petsche stellte sich seinerzeit niemand geringerer als Herbert von Karajan zur Verfügung.

Oleh Hornykiewicz legte den Grundstein für die L-Dopa-Therapie. Heute beschäftigt er sich mit der Bedeutung von Noradrenalin bei Morbus Parkinson.

 
Leben 17. September 2013

Der Pioniergeist lebt weiter

Als Zentrum der Hirnforschung hat Wien Tradition – und Zukunft.

Wien hat nicht nur als Stadt der Musik Tradition, sondern auch im Bereich der Hirnforschung. Naheliegend ist es also, dass hier die Auswirkungen des Musik-Hörens und Musik-Machens auf den menschlichen Körper erforscht werden.

Vor mehr als 140 Jahren gründete der Anatom und Pathologe Heinrich Obersteiner das weltweit erste Neurologische Institut, das bald internationale Anerkennung fand.

Ging es im 19. Jahrhundert darum, die Struktur des Gehirns zu entdecken, im 20. Jahrhundert die Biochemie des menschlichen Denkens zu erforschen, so werden jetzt molekulare Chemie, Neurophysiologie und Genetik in multidisziplinärer Zusammenarbeit eingesetzt, um ein Gesamtmodell des Gehirns zu erstellen. Ziel ist es, die ablaufenden Prozesse im Hirn besser zu verstehen und daraus neue Therapien zu entwickeln. So etwa auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose mit dem international anerkannten Hans Lassmann, Werner Sieghart mit der revolutionären Erforschung der GABA-A Rezeptoren, oder mit Thomas Klausberger, der die Aktivitäten der Nervenzellen bei kognitiven Prozessen erforscht.

Im historischen Gebäude Wien 9., Spitalgasse 4, wo einst die Pathologie des alten AKH residierte, befindet sich heute das Zentrum für Hirnforschung der medizinischen Universität Wien, das am 29. Oktober 2000 gegründet wurde. Schmerzforscher Prof. Dr. Jürgen Sandkühler leitet das Zentrum.

Pionier der Parkinson-Therapie

„Jedesmal, wenn ich ein Hirn zerlege und daraus für meine Studien Schnitte mache, bin ich mir dessen sehr bewusst, dass es sich um ein höchst wunderbares Kunstwerk, vielleicht um den wesentlichsten Teil der menschlichen Person selbst handelt“, sagt der Parkinson-Forscher em. Prof. Dr. Oleh Hornykiewicz, der erstmals den Zusammenhang von Dopaminmangel und der Parkinson´schen Krankheit beim Patienten nachgewiesen hat.

Diese Erkenntnis war von grundlegender Bedeutung, weil man daraus auf eine physiologische Rolle des Dopamins für die Kontrolle von motorischen Bewegungen beim Menschen schließen konnte. Es ergab sich darüber hinaus zum ersten Mal die Möglichkeit, den Mangel dieses Neurotransmitters durch seine Vorstufe L-Dopa zu substituieren und damit die geschädigten Basalganglien wieder funktionsfähig zu machen.

Die Umsetzung dieser grundlegenden, von Hornykiewicz erbrachten Erkenntnis in die Praxis, in die L-Dopa-Therapie, wurde von Walther Birkmayer ermöglicht, der im Krankenhaus Wien-Lainz Parkinson-Patienten behandelte. Der Erfolg war erstaunlich: Bettlägerige Patienten konnten wieder aufstehen, ja sogar gehen, ihre Sprache wurde wieder klarer. Die „Wiener Klinische Wochenschrift“ berichtete darüber erstmals im Jahr 1961.

Hornykiewicz wurde für diesen entscheidenden Schritt von der Erforschung der Funktion des Dopamins bis zur Therapie von Parkinson-Patienten mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen. Vergeben wurde der Preis jedoch im Jahr 2000 an den Schweden Arvid Carlsson, der die Wirkung von Dopamin lediglich im Tierversuch nachgewiesen hatte.

„Er hat sicher den Preis verdient, aber eben nur mit Tierversuchen. Jetzt wird ihm sowohl der Dopamin-Mangel bei Parkinson als auch die Therapie zugeschrieben, und das ist falsch“, sagt Hornykiewicz und mit ihm weite Kreise der internationalen Fachwelt, die sich gegen seine Nichtbeachtung bei der Verleihung des Preises aussprach.

Auch an Noradrenalin denken

Das Parkinson-Problem beschäftigt den Hirnforscher und Pharmakologen, der immer noch an seinem alten Arbeitsplatz im Hirnforschungszentrum der Medizinischen Universität Wien forscht, nach wie vor. Zwei neue Arbeiten befassen sich mit dem Verhalten von Noradrenalin beim Parkinson-Syndrom. Auch dieser Neurotransmitter ist bei diesem Krankheitsbild reduziert, aber man hat bisher wenig darauf geachtet. „Wir haben festgestellt, dass Noradrenalin, das wichtige Wirkungen besonders im Thalamus hat, vor allem dort, wo motorische Impulse von den Basalganglien kommen, fast völlig fehlt. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Dopa nicht nur Dopamin liefert, sondern auch Nordadrenalin.“

Es wäre daher durchaus möglich, so Hornykiewicz, dass ein noch besserer Therapieerfolg durch das Zusammenwirken beider Neurotransmitter erzielt werden könnte, indem man den Noradrenalin-Teil von Dopa weiter verbessert. Damit könnte sich vielleicht ein neues, wirksames Medikament ergeben.

Musik aktiviert das Gehirn

Mehr als alle anderen Tätigkeiten löst das Musizieren eine großflächige Aktivierung von Gehirnarealen aus, die lebenslang anhält. Der Neurophysiologe em. Prof. Dr. Hellmuth Petsche konnte mithilfe des EEG nachweisen, dass beim Hören von Musik, und noch mehr beim Musizieren, die elektrische Kooperation zwischen verschiedenen Hirnregionen bedeutend zunimmt, und zwar viel mehr als bei anderen geistigen Leistungen wie etwa Lesen, Kopfrechnen oder Simultanübersetzen. Besonders deutlich treten diese Aktivierung und die Verbindung verschiedener Hirnareale beim Hören von Mozarts Sonate für zwei Klaviere KV448 auf.

Herbert von Karajan hatte sich seinerzeit selbst für diese Untersuchungen zur Verfügung gestellt. Während er dirigierte, wurden Puls, Atmung und EGK gemessen, je nach Partitur traten verschieden starke Schwankungen auf, am stärksten waren sie beim Partitur-Lesen. Erstmals veröffentlicht wurden diese Ergebnisse 1988 in Music Perception (The EEG – an adequate method to concretize brain processes elicited by music). Weitere Einblicke brachte das „Neuroimaging“, mit dem man ein Netzwerk von Verbindungen von linker und rechter Gehirnhälfte darstellen konnte.

Grundidee für Musiktherapie

Die Kenntnis vom Einfluss der Musik auf körperliche Vorgänge ist schon sehr alt. Als ein extremes Beispiel dafür sei ein Gesetz zitiert, das der chinesische Polizeiminister Ming-Ti im 3. Jahrhundert v. Chr. erlassen haben soll: Flötenspielen, Trommeln und Lärm machen sollen den Verurteilten so lange quälen, bis er tot zu Boden sinkt.

Untersuchungen mit den neuen Techniken EEG, MEG und MRI zeigen deutliche Veränderungen im Gehirn und bei vegetativen Funktionen wie Herzschlag, Pulsschlag, Blutdruck, Atmung und Hauttemperatur beim Hören und Ausüben von Musik. Auch die Psychomotorik wird beeinflusst, sodass man von einem psychophysischen Doppeleffekt sprechen kann. Diese Untersuchungen bilden auch die Vorbedingungen für die Betreuung von Patienten etwa bei Denkstörungen, der Auswirkung von Pharmaka oder bei Patienten nach Schlaganfall.

Heute ist die Musiktherapie an zahlreichen Spitälern eine erfolgreiche etablierte Therapie. So versucht etwa Prof. Dr. Klaus Laczika an der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin I, bei Intensivpatienten mit Musik die lebenswichtige Herzfrequenzvariabilität wieder zu stabilisieren. Bei Alzheimer-Patienten kann die Lethargie reduziert werden, auch Kinder mit Morbus Down sprechen auf Musiktherapie positiv an. Als erstes europäisches Land hat Österreich eine Standardausbildung für Musiktherapie geregelt.

G. Niebauer, Ärzte Woche 38/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben