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Bewegung macht Eindruck. Inwieweit das in der Politik gilt, wird nun in einem aktuellen Projekt untersucht.
 
Leben 16. September 2013

Körpereinsatz in der Politik

Reden schwingen nicht von selbst.

Die Bedeutung von Körperbewegungen für die individuelle Einschätzung von Politikerinnen und Politikern wird jetzt in einem Forschungsprojekt analysiert. Ziel des vom FWF unterstützten Projekts ist die Identifizierung von Bewegungsmustern, die für eine solche Beurteilung wesentlich sind. Eine zuvor entwickelte Methode erlaubt dabei die Analyse von Bewegungsmustern realer Politiker bei gleichzeitiger Ausblendung ihrer physischen Erscheinung, so können weitere Einflüsse auf die Beurteilung – wie z. B. Aussehen und Geschlecht – von den Bewegungsmustern getrennt analysiert werden.


Politik ist voller bewegender Momente. Spätestens dann, wenn sich Politiker zu Reden aufschwingen und sich unter vollem Körpereinsatz dem Publikum stellen. Der Eindruck, den sie dann hinterlassen, wird oft weniger durch Worte als durch nichtsprachliche Signale geprägt. Dafür gibt es wissenschaftliche Belege. Aussehen, Tonfall, Körperhaltung und -bewegung sind solche Signale, doch inwieweit sie jeweils einen Beitrag zur Einschätzung von Politikern leisten, ist gerade für die Körperbewegung bisher wenig erforscht. Das untersucht nun Dr. Markus Koppensteiner vom Department für Anthropologie der Universität Wien.

Bilder statt Worte

Dazu sollen in einem vor Kurzem gestarteten Projekt des Wissenschaftsfonds FWF Probanden die Persönlichkeit von deutschen Politikern beurteilen. Als Ausgangsmaterial für ihre Beurteilung dienen Videoaufnahmen von Reden, die im Deutschen Bundestag unter vergleichbaren Bedingungen aufgezeichnet wurden. Die Wahl auf deutsche – und relativ unbekannte – Politiker fiel dabei ganz bewusst, um vorgefasste Meinungen der ausschließlich österreichischen Probanden zu vermeiden.

Doch nicht nur vorgefasste Meinungen beeinflussen unsere Einschätzung, wie Dr. Koppensteiner ausführt: "Ziel meiner Arbeit ist es, den Beitrag von Bewegungsmustern isoliert zu beurteilen. Um dieses zu erreichen, müssen andere Eindrücke wie Aussehen, Tonfall und Geschlecht ausgeblendet werden – ohne das natürliche Bewegungsmuster zu verändern. Dazu habe ich während meiner Dissertation eine Software entwickelt, die die Erfassung von Bewegungsabläufen auf Basis von Videosequenzen erlaubt." Diese Software ermöglicht es, mittels Computermaus bestimmte Körperpunkte der Sprecher zu markieren, deren Positionsverschiebungen nachzuverfolgen und mithilfe der gespeicherten Daten die Bewegungen als einfache "Strichfigur"-Animationen wiederzugeben.

Strichhaltige Reden

Bereits jetzt hat Dr. Koppensteiner die 60 Reden der deutschen Politiker in Strichfigur-Animationen von jeweils 15 Sekunden Länge überführt. Diese und die Originalvideos dienen nun als weitere Grundlage seiner Arbeit. Dafür werden vier verschiedene "Mutationen" der Videosequenzen hergestellt, die eine Trennung von verbaler von nonverbaler Information erlauben. So werden die Originalvideos einmal mit Bild und Ton und einmal nur mit Bildsequenzen Verwendung finden. Zum anderen werden nur die Tonsignale genutzt sowie die Animationen ohne Ton. Letztere Version stellt die vollständige Reduktion des Politiker-Auftritts auf die Bewegungsabläufe dar. Zur weiteren Vorgehensweise meint Dr. Koppensteiner: "Vier verschiedene Gruppen werden dann die jeweiligen Sequenzen beurteilen und ihre Meinungen zu den repräsentierten Personen abgeben. Zum Beispiel, ob diese ihnen kompetent oder vertrauenswürdig erscheinen."

Diese unabhängigen Beurteilungen erlauben es, den relativen Beitrag von Bewegungsmustern auf die Gesamtbeurteilung der Politikern abzuschätzen. Zeigen z. B. die Einschätzungen der Originalvideos eine hohe Übereinstimmung mit denen der Computeranimationen, so lässt dies auf einen gewichtigen Einfluss der Körperbewegung auf die Eindrucksbildung schließen.

Anschließend wird Dr. Koppensteiner in seiner Analyse einen Schritt weiter gehen und kontrollierte Manipulationen in die Bewegungsabläufe der computeranimierten Strichfiguren einführen. So kann getestet werden, ob die Überbetonung oder Reduktion bestimmter Bewegungsmuster die Beurteilung ändert. Das ist eine wichtige Kontrolle der gewonnenen Erkenntnisse, die auch das gezielte Einsetzen von Bewegungsmustern zur Betonung bestimmter Eigenschaften erleichtert – und den Ergebnissen des FWF-Projekts so praktischen Nutzen geben könnte.

FWF Presseaussendung/TF, springermedizin.at

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