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Leben 6. September 2013

Der Patient als Bote

Befunde, Röntgenbilder oder Rezepte werden nicht per Post, sondern oft per Patient übermittelt. Dazu muss der Inhalt jedoch verschlüsselt sein.

Patienten bekommen, wenn sie von Arzt zu Arzt geschickt werden, geheime Botschaften mit, deren Inhalte den Boten verborgen bleiben. Das ist vernünftig. Denn sollte unser Patient auf seiner Reise einmal vom Geheimdienst abgefangen werden, so kann er selbst unter Folter nicht gestehen, um welche Depesche es sich dabei handelt.

Und Botschaften sind gefährlich. Wie man weiß, wird der Überbringer der Nachricht immer auch für deren Inhalt verantwortlich gemacht. So mancher Bote bezahlte mit dem Leben, wenn er dem König eine (lustig gemeinte, aber missverstandene) versiegelte Botschaft mit „Du bist doof“ übermitteln musste.

Tatsächlich ergehen unsere Entlassungsbriefe aus dem Krankenhaus immer an „den behandelnden Arzt“ oder die „löbliche Abteilung“, wie es im schleimerischen Fachjargon heißt. Man könnte auch noch draufschreiben: „Finger weg, du neugieriger Patient!“ Diese Information wäre aber redundant, denn es steckt bereits in der Formulierung der Adresse, dass nicht der Patient gemeint ist.

Auch die Apotheker bekommen geheime Zettel übermittelt. Waren die früheren Rezepte noch in unleserlicher und nur von Pharmazeuten dechiffrierbarer Ärzteschrift per Hand gekritzelt, um sie noch geheimer als geheim zu gestalten, so sagen dem Durchschnittspatienten auch die sauber ausgedruckten Kürzel OPIIS3x2ind.destill.sign.mg/dl. mag. herzlich wenig. Erst der Empfänger lächelt wissend und übergibt dem Boten ein Medikament.

Dass Patienten selbst auf die Reise geschickt werden, um Blutbefunde, Röntgenbilder, Überweisungen, Bewilligungen oder Rezepte zwischen den einzelnen medizinischen Institutionen hin und her zu befördern, liegt zum einen daran, dass heute von den Patienten eine frühzeitige Mobilisierung und ein gewisses Maß an sportlicher Bewegung eingefordert wird, andererseits erspart man sich damit eine teure Briefmarke. Und wenn man geschickt ist, kann man seinen Patienten noch den Müll mitgeben.

Ich hoffe, die Patienten kommen nicht auf die Idee, den Spieß umzudrehen. Denn auch sie könnten uns einen Blumenstrauß in die Hand drücken – damit wir ihn beim nächsten Mal, wenn wir im Krankenhaus operieren, bei ihrer Schwiegermutter vorbeibringen, die zufällig auf der chirurgischen Abteilung liegt. Ganz zu schweigen vom Morgenharn, der auch ins Krankenhaus muss; wenn man schon mal auf dem Weg ist.

(Da sich diese Kolumne eher an Kollegen denn an Patienten richtet, gehe ich davon aus, dass auch die Idee, die ich im letzten Absatz geäußert habe, als Geheimbotschaft in Ärztekreisen bleibt, um ja nicht in falsche Hände zu gelangen!)

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