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© ENIT Wien
Corteo Storico zur festlichen Eröffnung der Regata Storica.

Schmal und schnell: Pupparin vor dem Start.

Die Ruhe täuscht, denn während der Regatta geht es im sportlichen Wettstreit um einen der ersten Plätze.

© Barbara Stanzl

Vor dem Start der Regata Storica: im Vordergrund die von zwei Frauen geruderte Mascareta, dahinter eine Caorlina mit sechs Mann-Besatzung. (3)

 
Leben 11. September 2013

Am Ruder

Die „Regata Storica“ in Venedig wird jedes Jahr im September ausgetragen. Das traditionelle Wettrudern ist mehr als nur ein sportlicher Wettkampf.

Alljährlich messen die besten Ruderer der Stadt ihre Kräfte mit denen der sechs Lagunengemeinden in einer unvergleichlichen Regatta.

Jedes Jahr am ersten Septemberwochenende wird Venedig zur Bühne eines besonderen Schauspiels: eingeleitet vom Corteo Storico, einer prachtvollen Parade geschmückter historischer Boote, findet die Regata Storica statt. Dies geschieht in Erinnerung an Catarina Conaro, Königin von Zypern, die 1489 auf ihren Thronanspruch zugunsten Venedigs verzichtete. So kam die Insel schließlich unter die Herrschaft der Lagunenstadt und die Serenissima behielt in der Rivalität mit Genua die Oberhand.

Woher die Bezeichnung „Regata“ stammt ist übrigens nicht zweifelsfrei geklärt. Eine mögliche Deutung lautet „sich messen im Wettstreit“. Auf den unterschiedlichen Wasserwegen Venedigs wird bis heute die Stadt und ihre Bewohner und Gäste mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Für die Bewohner der unterschiedlichen Stadtviertel, der Sestiere, ist der Wettstreit untereinander und mit den Ruderern der sechs Lagunengemeinden seit jeher ein ehrenvolles Kräftemessen.

Vier Klassen im Wettstreit

Eine Besonderheit der Regata Storica sind die vier unterschiedlichen Bootstypen, die hier zum Wettkampf antreten. Die Nachwuchs-Ruderer der zahlreichen Ruderclubs im Alter von 14 bis 18 Jahren starten im sogenannten „Pupparin“, dessen Name sich vom Heck, der „Poppa“ ableitet. Dieser Bootstyp wird zu zweit gerudert. In früheren Zeiten galt er als Stadtboot des Adels. Die etwas älteren Ruderer starten in der zweiten Bootsklasse, der „Caorlina“. Dieser seit dem 16. Jahrhundert bekannte deutlich größere, bauchige Boot-Typ stammt ursprünglich aus Caorle. Er diente als Fischerboot und wird sogar heute noch teilweise zum Transport von Obst und Gemüse von den Laguneninseln Sant’Erasmo und Le Vignole nach Venedig eingesetzt. Die sechs Ruderer bringen diese behäbig wirkenden Boote dennoch beachtlich in Schwung.

Zu den unterschiedlichen Besonderheiten der Regata Storica zählt, dass seit 1493 Frauen in einer eigenen Klasse rudern, wobei sie die gleiche Distanz wie ihre männlichen Ruderkollegen zurücklegen müssen. Auch dies hat einen historischen Hintergrund: denn erstmals nahmen Frauen zu Ehren von Beatrice D’Este, der Gemahlin von Ludovico il Moro, die Ruder in die Hand, um sich mit den Männern auf dem Wasser in einem seltenen Fall früher Gleichberechtigung zu messen. Seither wird der Boot-Typ ein leichtes „Sandolo“, auch „Mascareta“ genannt, während der Regata Storica von jeweils zwei Frauen gerudert. Unangefochten an erste Stelle der Ruderinnen steht Maria Boscola aus Marina di Chiogga. Im 18. Jahrhundert deklassierte sie über 40 Jahre alle Konkurrentinnen.

Als wahre Königsklasse gilt die vierte Kategorie der teilnehmenden Boot-Typen. Sie ist, da erst 1825 speziell für Regatta-Wettbewerbe entwickelt, zugleich die jüngste. Gerudert werden die „Gondolini“ von jeweils zwei sehr erfahrenen Ruderern. Die Verwandtschaft zur „Gondola“ ist nicht zu leugnen. Allerdings sind die Eisenornamente, das „Ferro“ am Bug und das „Risso“ am Heck deutliche Unterscheidungsmerkmale. Ohne ein bemerkenswertes und äußerst wichtiges Utensil wäre es übrigens weder möglich, die Kraft auf die Ruderriemen zu übertragen, noch die vorgegebene Richtung einzuhalten. Dazu bedarf es der „Forcola“. Aus edlem Walnussholz geschnitzt ist sie jedem Ruderer individuell angepasst, wobei sich Bug- und Heckforcola deutlich voneinander unterscheiden. Die wie eine Skulptur geformte Forcola ist auch für jeden Gondoliere persönlicher und kostbarer Besitz. Kein Wunder also, dass man sie nicht aus den Augen lässt. Die Ruderer nutzen ihre bis zu acht unterschiedlichen Ansatzpunkte, um die Boote während des Wettkampfs mit viel Geschick zu manövrieren.

Kraftvoll am Ruder

Gestartet wird die Regata Storica vor den „Giardini“, nahe dem Gelände der Biennale im Stadtteil Castello. Das gespannte Seil, das sogenannte „spagheto“, auf venezianisch auch „sordin“ genannt, dient als Startlinie. Von dort geht es an den zahlreichen Anlegestellen vorbei in den Canale Grande bis zu jenem Wendepunkt, den der „paleto“ vor dem Bahnhof Santa Lucia mitten im Kanal anzeigt. Traditionell gehen die späteren Gewinner dort bereits in Führung. Das Ziel für die Ruderer, die sich kräftig in die Riemen legen, ist „la machina“, die Festtribüne nahe der Ca’Foscari: dort findet auch die feierliche Preisverleihung statt.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Regatta regelmäßig jedes Jahr – außer während der beiden Weltkriege – abgehalten. Für die Ruderclubs Venedigs und Lagunengemeinden ist die Teilnahme daran Ehrensache, wobei eine möglichst gute Platzierung natürlich eine wichtige Rolle spielt. Die einen verteidigen den errungenen Sieg des Vorjahres, die anderen versuchen ihnen diesen Sieg streitig zu machen. Die ersten jedes Rennens erhalten zusätzlich zu einer roten Flagge einen Geldbetrag, jene auf Platz zwei werden mit einer weißen und die auf dem ehrenvollen dritten mit einer grünen ausgezeichnet. Ursprünglich wurde den Viertplatzierten eine gelbe Flagge mit der Darstellung eines Schweins überreicht. Auch auf den schönen Brauch denen, die es gerade nicht unter die ersten drei geschafft haben, ein lebendes Ferkel zu überreichen, wird heutzutage verzichtet. Letztlich aber entscheidet über Sieg oder Niederlage in Wirklichkeit mehr das ruderische Können und Geschick als Glück bei der Regata Storica.

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