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© Robert Newald
Mobile Schränke
© Hubert Dimko.

DI Dipl. TP Albert Wimmer Architekt, Health Team KHN-Albert Wimmer ZT-GmbH

© Robert Newald

Empfang des Infocenters

© Peter Plundrak

Muster-Zweibettzimmer

 
Leben 13. September 2013

Ein Wohlfühlspital entsteht

Architekt DI Dipl. TP Albert Wimmer stellt die Pläne des Krankenhauses Nord in Wien vor.

Bei jedem Wettbewerb kann gefragt werden: Warum hat gerade der gewonnen? Bei Wettbewerben, die mehr als einen Parameter (Distanz, Effizienz, Logistik, Wohlfühlen, ...) berücksichtigen, ist die Frage noch viel komplizierter. Architektur-Wettbewerbe unterliegen ganz eigenen Regeln. Den Wettbewerb um das Krankenhaus Nord in Wien gewann das Health Team KHN-Albert Wimmer ZT-GmbH.

Die Ärzte Woche sprach mit Architekt DI Dipl. TP Albert Wimmer über das Projekt und seine Besonderheiten.

Wie gingen Sie bei der Planung des ersten Entwurfs vor?

Wimmer: Jedes neue Arbeitsfeld beginne ich mit einer gründlichen Recherche durch Fachliteratur, aber auch durch Gespräche mit Spezialisten. Und ich mache das recht pragmatisch, in dem ich mir die entsprechenden Bauten anschaue. Natürlich kennt man die Spitalsbauten aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Pavillons und weiß, was daran von den Leuten geschätzt wird. Genauso kennt man das AKH und was dort von den Leuten geschätzt wird. Hinter jedem Prototyp steht eine sehr gute Logik. Da braucht man nichts neu erfinden, aber man muss versuchen, die Vorteile jedes Systems zu optimieren.

Natürlich ist die gewisse Individualität und Privatheit eines Pavillons etwas Angenehmes, aber lange Wege sind nicht rentabel und im Winter in Schlapfen durch den Garten gehen ist nicht optimal. Daraus ist bei mir das Motiv entstanden, auf der einen Seite die Kleinteiligkeit, die Individualität, die gute Belichtung und den Ausblick ins Grüne aus dem Pavillonwesen zu erfassen, andererseits die ökonomische Seite mit kurzen Wegen und guter Übersicht ebenso zu beachten.

Ich nehme an Wettbewerben teil, wenn ich mir denke: Zu dem Thema kann ich einen Beitrag leisten. Bei Spitälern hat mich generell das Wohlfühlelement angesprochen, aber das KH Nord ist auch städtebaulich interessant. Denn die Umgebung, die Brünner Straße, ist - naja, kein städtebauliches Highlight.

Inwiefern kann das KH Nord zur Aufwertung des Stadtviertels beitragen?

Wimmer: Es soll ein offenes Haus sein. Das beginnt mit einer Piazza vor dem Eingang, auf der sich Leute aufhalten werden, die nichts mit dem Spital zu tun haben, die dort einkaufen und Kaffee trinken. Das dient nicht zuletzt dem Abbau von Schwellenängsten. Auch können Patienten, die entlassen werden, sich alles Notwendige besorgen. Zum Beispiel werden im Bauteil „Venus“ eine Ladenpassage, eine Reinigung, ein Friseur, ein Café-Restaurant und vieles mehr angesiedelt. Die Piazza bietet auch einen Übergang von den öffentlichen in die halb-öffentlichen Bereiche des Spitals. Diese Übergänge sind wichtig. Im Wienerischen gibt es den Spruch: „Man fällt nicht mit der Tür ins Haus.“

Wie gewinnt man einen architektonischen Wettbewerb?

Wimmer: Das Wesen eines Wettbewerbsbeitrags ist, die Ideen so aufzuzeichnen, dass jemand anderer sie versteht. Oft hat man gute Ideen, kann diese aber nicht kommunizieren. Man braucht keine großartige Expertise, aber in manchen Aspekten eine sehr starke Überzeugung, dass die Konzepte umgesetzt werden müssen. Dafür muss man sehr konsequent und logisch denken.

Und ich bin bekannt dafür, dass ich bei Wettbewerben immer noch einen Gedanken dazugebe, der umgesetzt werden kann. Beim Innsbrucker Tivoli-Stadion etwa habe ich eine Kletterhalle dazu „erfunden“. Für mich war logisch, dass das dort ein Thema ist. Ich freue mich sehr, dass dieses Angebot von vielen Jugendlichen angenommen wird. Beim KH Nord war es der Bauteil „Mars“, in dem ein Zentrum für niedergelassene Ärzte entstehen soll. Die enge Verknüpfung des niedergelassenen Bereichs mit dem intramuralen Bereich gehört zum Wesen eines modernen Spitals.

Beim KH Nord lag auch ein vom Bauherrn sehr gut vorbereitetes Briefing vor. Das ist wichtig, weil auch über Prozesse lang diskutiert werden muss, insbesondere wenn man wie hier neue Wege beschreitet: Mehr Interdisziplinarität, zentrales Bettenmanagement, zentrales OP-Management und anderes mehr.

Die Arbeit des Architekten ist, die Anforderungen aus dem Briefing und die Prozesse möglichst klar räumlich umzusetzen. Aber betriebsorganisatorische Prozesse sind in einer ständigen Entwicklung. Deswegen wurde das KH Nord nach einem modularen System geplant und nur 45 Prozent der Grundstücksfläche verbaut. Auch durch kammartige Struktur an der Magistrale* kann besser auf Veränderungen reagiert werden.

Wie verläuft so ein Wettbewerb?

Wimmer: Die Jury besteht aus einer Fach- und einer Sachjury. Das eine sind Architekten und Baufachleute, das andere sind Fachleute aus dem - in diesem Fall - Spitalswesen, Beamte, Juristen, Politiker und andere involvierte Stellen. Das Problem ist jedoch, dass die Wettbewerbsteilnehmer bei der Jury-Entscheidung nicht dabei sind. Sie müssen Ihre Ideen also so aufzeichnen, dass sie gesehen werden. Es bedarf auch eines gewissen glücklichen Moments, damit alles zusammenpasst. Manchmal ist die Jury von anderen Schwerpunkten überzeugt, manchmal haben Sie es schlecht gezeichnet, manchmal ist die Idee einfach noch nicht angekommen.

Beim KH Nord war es auch ein zweistufiges Verfahren, also kamen einige Teilnehmer in eine zweite Auswahlrunde. Das ist anstrengend, denn man konzentriert sich darauf und setzt viel Geld ein. Aber in der zweiten Runde spielt man auch schon auf einem sehr hohen Niveau. Sie müssen von Ihrem Konzept absolut überzeugt sein.

Kritisch zu sehen sind jene Jurymitglieder, die Pläne nicht lesen können, aber das nicht zugeben, sondern vortäuschen, alles zu verstehen.

Was zeichnet Ihren Entwurf aus?

Wimmer: Es sollte vor allem ein Wohlfühlkrankenhaus werden - das ist nicht eine große Geste, sondern die Summe von vielen Gesten, die stimmig sein müssen. Diese subtile Vorgangsweise liegt nicht nur dem Gesamtkonzept zugrunde, sondern äußert sich auch in Details.

Es wurde auch großer Wert auf die Nachhaltigkeit gelegt. So gehört die Sickerwiese zum Wasserkreislauf - Regenwasser soll nicht ungebremst in den Abwasserkanal rauschen, sondern zurückgehalten und eventuell als Nutzwasser verwendet werden. Ich arbeite seit Langem auch mit der Landschaftsplanerin Martha Schwartz zusammen. Park und Haus gehen ineinander über, in dem der Park in die Atrien hineinreicht.

Ein weiterer Punkt ist das Promenadendeck in der dritten Ebene und die Fensterbank im Zimmer. So sind die Fenster erkerartig herausgestellt und mit einer Bank versehen. Einerseits bietet das Besuchern Platz, andererseits aber ist es für Patienten ein Erfolgserlebnis, wenn sie aus dem Bett aufstehen und sich ans Fenster setzen können. Und im weiteren Schritt geht der Patient einen Stock tiefer und auf dem Promenadendeck spazieren. Das sind positive Wahrnehmungen bei der Gesundung.

Wir haben auch mobile Schränke entwickelt. Früher wurde das Hab und Gut eines Patienten, der in die Notaufnahme kam, nicht selten in einem Plastiksackerl ans Bett gehängt. Das stammt aus einer Zeit, wo einerseits die Menschen nicht viel Wertvolles hatten, aber es geht auch um die persönliche Sphäre: Nichts ist schlimmer, als nackt ausgezogen zu werden und nichts mehr zu haben. Der von uns entwickelte mobile Schrank wandert mit dem Patienten mit. Dieser weiß also: Die Sachen gehen nicht verloren.

Gehört auch das Wohlfühlen der Belegschaft dazu?

Wimmer: Hundertprozentig. Viele zukünftige Mitarbeiter kommen aus anderen Spitälern, etwa dem Orthopädischen Spital Gersthof oder der Semmelweisklinik, die alle die schönsten Parks haben. Nicht zuletzt darum haben wir eine großartige Freiraumgestaltung, denn sie wären bitter enttäuscht, wenn sie nur noch Wände sehen würden.

Ohne Ausnahme haben alle Räume, auch die Besprechungszimmer oder die OP-Säle, immer Tageslicht. Natürlich „opfere“ ich mit den Atrien Fläche, die bebaut hätte werden können. Aber von den Mitarbeitern wir höchste Qualität, Konzentration und Fehlerlosigkeit gefordert. Daher bedarf es auch der Entlastung von sehr belasteten Leuten und dafür muss ich ihnen optimale Konditionen zur Verfügung stellen. Ich glaube nach wie vor, dass dieses Zusammenspiel von Bebautem und nicht Bebautem die optimale Situation ist.

Welche Bauteile sind im Vergleich zu älteren Spitälern hinzugekommen?

Wimmer: Das ist eine ganz wichtige Frage. Ich habe zwei Bauteile vor dem Kernkrankenhaus, die „Venus“ und den „Mars“. Das sind die Bauten, die die Piazza als Abgrenzungen definieren. In der Venus sind der Haupteingang und das Foyer und hier ist das Entscheidende, dass den Patienten und den Mitarbeitern alles geboten wird, was sie brauchen. Ich denke da nicht nur an die Ladenpassage oder einen Betriebskindergarten, sondern etwa an ein Restaurant, einen Bandagisten, Simulations-, Ausbildungs- und Schulungsräume und vieles andere. Das ist heute der Zug der Zeit, dass alles sofort erledigt werden kann.

Der Link zu den niedergelassenen Ärzten ist schon deswegen wichtig, weil ich nicht will, dass jeder, der sich in den Finger schneidet, ins Kernkrankenhaus geht und eine teure Maschinerie los tritt. Für mich war es aufgrund meiner Erfahrungen in den nordischen Ländern ganz logisch, dass die optimale Zusammenarbeit zwischen Kernspital und niedergelassenen Ärzten zum Projekt gehört. Umgekehrt ist es auch für die Niedergelassenen einfacher, wenn Sie Patienten ins Spital einweisen müssen. Ein wesentliches Thema sind auch die Tageskliniken, bei denen eine Zunahme zu erwarten ist.

Wie unterscheidet sich die Planung eines Spitals von der anderer Bauten?

Wimmer: Zunächst muss die Philosophie klar sein, die heißt: „patient comes first“. Dazu sind Hierarchien und Zeitfaktoren zu beachten. Wenn man von kurzen Wegen spricht, ist das im Spital anders als in einem Büro, in dem das meiste per E-Mail erledigt werden kann. Beispielsweise das Pflegepersonal muss aber persönlich zum Patienten gehen und der Notfallpatient kann nicht per E-Mail in den OP geschickt werden.

Zweitens haben wir es mit einer enorm breiten Zielgruppe zu tun, von Beweglichen bis ganz schlecht Beweglichen, von Akademikern bis hin zu Menschen mit Sprachschwierigkeiten. Und niemand geht gerne in ein Spital. Orientierung und Wohlfühlen sind daher viel wichtigere Voraussetzungen als in einem Bürogebäude, das man mehr oder minder gern oder zumindest neutral betritt.

Für Orientierung und Wohlfühlen ist die Belichtung mit Tageslicht auch wichtig. Durch die vielen Atrien in meinem Entwurf erlebt man die Jahreszeiten und sieht, ob es regnet, schneit oder ob die Sonne scheint. Und man weiß sofort, auf welcher Seite des Hauses man ist, wenn man die Sonne und den Garten sieht. Licht ist die einfachste Orientierungshilfe und jeder versteht sie. Das ist gerade bei großen komplexen Gebäuden wichtig, denn dort ist mangelnde Orientierung eine echte Gefahr.

Dann gibt es noch viele andere Kriterien, die wir mit „high touch“ auf der einen und „high tech“ auf der anderen Seite definiert haben. Es müssen nicht nur die Technik und der Ablauf funktionieren, sondern auch die menschliche Kontaktebene. Dass Spitzenmedizin geboten wird, erwartet man selbstverständlich. Aber nicht so selbstverständlich sind Bezugssysteme. Menschen in einem Büro können weitgehend selbst entscheiden und sich selbst bewegen. Wenn man aber als PatientIn alleine im Eck liegt und es kümmert sich keiner - also besonders glücklich wird man nicht. Und das schlägt sich einfach auch auf die Genesung nieder. Es braucht eine besondere Sensibilität für positive und negative Raumwirkungen.

Und da spreche ich jetzt noch nicht von der Komplexität der Prozesse, der Zusammenarbeit vieler Menschen, den hygienischen Themen und der Technik, die – im positiven Sinn – immer anspruchsvoller wird. Denken Sie etwa an die gezielte Strahlentherapie in der Onkologie mit hochkomplexen Geräten.

Sind gesetzliche Vorgaben und Normen ein Problem?

Wimmer: Wir sind gewohnt, mit Unmengen von Verordnungen konfrontiert zu sein. Es ist leider schon viel genormt, oft denkt man zu viel genormt, aber manches ist auch hilfreich. Es ist schon sinnvoll zu wissen, wie groß der Radius eines Rollstuhlfahrers ist und wie viel Platz er braucht. Oder wie viel Platz ein Intensivbett mit allen Zusatzgeräten benötigt, denn wenn der Pfleger das Bett verschieben muss, sollte er nicht bei der ersten Tür die Geräte „abräumen“. Natürlich muss man sich immer informieren. So haben sich beispielsweise die Bettendimensionen geändert, nicht zuletzt aufgrund der zunehmend adipösen Patienten.

Da ist das Architekturbüro gefordert, mit den einzelnen Behörden intensiv zu kommunizieren. Wir haben sehr frühzeitig alle involvierten Stellen und Behörden informiert. Da geht es um Brandschutz, Entfluchtung, Pandemien, Erdbebensicherheit und vieles mehr. Aber wenn sie konsequent die entsprechenden Checklisten abarbeiten, dann ist es zwar ein Aufwand, aber keine Überraschung. Jedenfalls ist somit die komplette Inbetriebnahme sichergestellt.

Waren auch die künftigen Mitarbeiter in die Planung eingebunden?

Wimmer: Ja, in großem Ausmaß. Es ist unser Glück, dass bestehende Spitäler ins KH Nord übersiedeln. Wir haben bis dato etwa 800 Gespräche mit den jeweiligen Teams geführt. Das war zwar anstrengend, aber hat sich gelohnt, denn wir haben die Chance von den Teams zu lernen. Jetzt kommen wir in den Genuss davon, weil die Leute genau wissen, was sie wollten. Das unterscheidet unser Projekt schon von etlichen anderen.

Trotzdem war es mein Job drauf zu achten, dass wir im standardisierten System bleiben. Wenn es zu individualistisch wird, verliert das Ganze an Flexibilität. Die Module müssen erhalten bleiben, um eventuell Betten von einer Station auf eine andere „umschichten“ zu können. Ich denke, wir haben ein zukunftsweisendes Modell geschaffen. Aber die Wahrheit werden wir erst 2017 oder 2018 erfahren, wenn das Projekt gelebt wird.

Das Interview führte Livia Rohrmoser.

* Magistrale: Hauptverkehrsweg, im Spital der Hauptgang

L. Rohrmoser, Ärzte Woche 37/2013

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