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Yersin gelang es, in nur einer Woche den Pesterreger aus den Lymphdrüsenpaketen von Leichen einwandfrei zu identifizieren, Kulturen anzulegen und die Infektiosität des gefundenen Keimes an Meerschweinchen zu beweisen.
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Der Schweizer Arzt Alexandre Yersin (1863-1943) entdeckte in Hongkong 1894 den Pest-Erreger.

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1894 griffen Pestfälle von Südchina auf Hongkong über. Das Institut Pasteur in Paris schickte Yersin nach Hongkong, um das Bakterium zu identifizieren.

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Pathologisches Präparat einer Pestpneumonie

 
Leben 6. September 2013

Monsieur Nam und die Pest

Alexandre Yersin war Arzt, Bakteriologe, Forschungsreisender und Agronom.

Am 20. Juni 1894 verlor die Pest endgültig ihren Nimbus als Strafe Gottes. An diesem Tag entdeckte der Schweizer Arzt Alexandre Yersin (1863–1943) in Hongkong den Erreger der bis dahin rätselhaften Seuche. Obwohl der Keim Yersinia pestis ihm zu Ehren seinen Namen trägt, ist sein Entdecker heute dennoch praktisch unbekannt. Am 22. September 2013 wäre Yersin 150 Jahre alt geworden.

Medizin studierte der in Morges im Schweizer Kanton Waadt geborene Yersin in Lausanne, Marburg und Paris. Die Ausbildung in Deutschland und Paris war in den 1880er-Jahren völlig unterschiedlich. Durch modern eingerichtete Labors und eine Elite von Spezialisten hatte die deutsche Schule einen guten Ruf. Zwar unterrichteten bestens qualifizierte und hoch spezialisierte Wissenschaftler an den Universitäten die Studenten, aber die Ausbildung fand vorwiegend außerhalb der Krankensäle statt. Im Gegensatz dazu war Frankreich durch seine Ausbildung am Krankenbett berühmt. Das Spital war hier nicht mehr nur jener Ort, an dem Kranke behandelt und gepflegt wurden, es war auch der Platz, an dem unterrichtet und geforscht wurde.

Im Jahr 1888 beendete Yersin sein Medizinstudium in Paris und besuchte anschließend einen Kurs in Mikrobiologie bei Robert Koch (1843–1910) in Berlin. Schon als Student war Yersin im chemisch-physiologischen Labor der Hochschule und später als Präparator am Institut Pasteur in Paris beschäftigt. Hier machten Émile Roux (1853–1933) und Yersin eine Aufsehen erregende Entdeckung, sie fanden das Diphterietoxin. Gemeinsam mit Roux begann Yersin im selben Jahr praktische Kurse für Mikrobiologie zu halten. Während Roux geduldig und einfühlsam die Anfänger in die Geheimnisse der Bakteriologie einweihte, mangelte es Yersin absolut an pädagogischen Fähigkeiten. Die „Dummheit seiner Schüler ... dieser Blödmänner“ zerrte permanent an seinen Nerven und brachte ihn zur Weißglut.

Unbändige Reise- und Abenteuerlust

Das und seine Leidenschaft für Abenteuer, exotische Länder und Reisen waren wahrscheinlich auch der Grund, weshalb er auf eine Karriere am Institut Pasteur verzichtete und sich 1890 bei Messageries Maritimes, der damals größten französischen Handelsflotte, als Schiffsarzt bewarb. Ein Jahr lang fuhr er auf der Linie Saigon-Manila und Saigon-Haiphong. Dann packte ihn wieder seine unbändige Reise- und Abenteuerlust, die er mit Expeditionen und Forschungsreisen ins Hinterland Annams in Vietnam, damals französische Kolonie, zu befriedigen suchte. Hier projektierte er Straßen, ganze Dörfer und zeichnete genaue Karten bisher unerschlossener Gebiete. Vom Institut Pasteur in Saigon führte er Pockenimpfstoff mit, impfte damit die Bevölkerung und registrierte außerdem die grassierenden Krankheiten in Indochina.

Im Jahr 1894 nun griffen Pestfälle von Südchina auf Hongkong über. Diese Nachricht beunruhigte zahlreiche Länder, die mit Hongkong Handel trieben. Und das zu Recht. Das Institut Pasteur in Paris schickte Yersin nach Hongkong, um der „Pestmikrobe nachzuspüren“. Am 15. Juni 1894 traf Yersin schließlich in Hongkong ein. Drei Tage zuvor kam dort der von den Engländern gerufene japanische Bakteriologe Shibasaburo Kitasato (1852–1931) mit seinem Team an. Er belegte sofort alle Räumlichkeiten im Hospital von Kennedy Town, betrachtete Yersin als gefährlichen Rivalen und boykottierte ihn. Kitasato lehnte es ab, mit dem Konkurrenten aus Frankreich zusammenzuarbeiten und weigerte sich sogar mit Yersin zu sprechen. Weil alle Räume im Hospital von Engländern oder Japanern belegt waren, musste Yersin mit einem winzigen Labor in einer Ecke des Treppenhauses vorlieb nehmen.

Boykott durch Kitasato

Da Kitasato auch alle Leichen für sein Team beanspruchte, erhielt Yersin keine Genehmigung für Autopsien. Er musste Leichenträger bestechen, um Material für seine Untersuchungen zu bekommen. In einem Keller, in dem die Toten einige Stunden aufgebahrt waren, ehe man sie auf einem Friedhof verscharrte, schnitt er heimlich Pestbeulen aus den Leichen. Erst nach Protesten des französischen Konsuls beim englischen Gouverneur beendeten die Engländer den Boykott und Yersin konnte endlich offiziell beliebig viele Pestleichen obduzieren. Überraschenderweise gelang es Yersin in nur einer Woche den Pesterreger aus den Lymphdrüsenpaketen der Leichen einwandfrei zu identifizieren, Kulturen anzulegen und die Infektiosität des gefundenen Keimes an Meerschweinchen zu beweisen.

Einige Tage vorher hatte zwar auch Kitasato einen Bazillus im Blut entdeckt, den er übereilt als den Pesterreger bezeichnete. Der Streit, wer nun wirklich den Pesterreger als Erster entdeckt hatte, wurde jahrzehntelang geführt. Ältere medizinhistorische Arbeiten nannten beide Forscher als Entdecker und der Keim wurde auch vereinzelt „Kitasato-Yersin-Bazillus“ genannt. Tatsache ist jedoch, dass Yersins klassische Beschreibung, des von ihm entdeckten Keimes – „kurze gedrungene Bazillen mit abgerundeten Enden, die sich leicht mit Anilinfarben einfärben lassen, nicht aber nach der Gram-Methode“ – der auch heute noch gültigen Definition des Pestbazillus entspricht. Kitasatos Keim weicht dagegen deutlich davon ab, besonders die typische und einfach durchzuführende Gram-Färbung, der Pestbazillus ist ja eindeutig gram-negativ, bereitete dem Japaner – immerhin einer der besten und erfahrensten Bakteriologen seiner Zeit – bei seinem Keim aber gröbere Schwierigkeiten. Man nimmt daher heute an, dass Kitasato möglicherweise ganz andere Erreger isoliert hatte, vielleicht Pneumokokken.

Anerkanntes Mitglied der vietnamesischen Bevölkerung

Aber Yersin war nicht nur Bakteriologe und Tropenmediziner. Im Auftrag der Kolonialverwaltung begann er den Chinarindenbaum zur Chiningewinnung und die Hevea zur Kautschukgewinnung in Vietnam heimisch zu machen. In Nha Trang gründete er ein Institut Pasteur, dessen Leiter er bis 1924 war. In Hanoi leitete er eine Schule für medizinisches Hilfspersonal, aus der später die Medizinische Hochschule Hanoi hervorging. Bereits seit 1919 hieß das Universitätskrankenhaus in Hanoi „Hôpital Yersin“. Nach der Eroberung Hanois durch Ho-Chi-Minh (1890–1969) wurden alle französischen Namen und Bezeichnungen rigoros entfernt oder durch vietnamesische ersetzt. Das Universitätskrankenhaus behielt jedoch seinen Namen.

Nicht nur die einfachen Leute in Vietnam verehren „Monsieur Nam“ bis heute, der wie sie ein bescheidenes, fast ärmliches Leben führte. „Nam“, der Fünfte, nannten ihn die Leute, die seinen Namen nicht korrekt aussprechen konnten, weil ihm als Sanitätsoberst fünf Tressen als Rangabzeichen zustanden. Uniform trug er allerdings nie. In fast jeder großen Stadt Vietnams gibt es eine Avenue Yersin und im Institut Pasteur de Nha Trang erinnert das kleine Musée Yersin an den Mann, der uneigennützig die Krankheiten ihres Landes bekämpfte.

Auch das offizielle sozialistische Vietnam hatte nie Einwände gegen Yersins Namen. Vielleicht deshalb, weil der streng evangelisch puritanisch erzogene Yersin die Medizin etwas anders sah und lebte als die meisten seiner Kollegen: „... ich möchte die Medizin nicht zu einem Geschäft machen, das heißt, dass ich nie einen Patienten bitten könnte, mich für Hilfe zu bezahlen, die ich ihm geben kann. Ich betrachte die Medizin als eine Art Priesterschaft ähnlich dem Amt des Seelsorgers. Von einem Kranken Bezahlung für Hilfe zu verlangen, ist so ähnlich wie ihm zu sagen, Geld oder Leben.“

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 37/2013

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