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© Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg/ Anita Berger
Schloss Herrenchiemsee: Rohbautreppenhaus im Nordflügel, 2009
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen/Nicole Wilhelms (©

Ausstellungsansicht mit Andy Warhols „Self-Portrait“ (1967) 2013 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts Inc./Artists Rights Society ARS, New York)

© Bayerische Staatsgemäldesammlungen/Nicole Wilhelms (© Estate of Dan Flavin/VG Bild-Kunst,

Ausstellungsansicht der Installation von Dan Flavin „Untitled (blue and red fluorecent light)“ (1970) Bonn 2013)

© VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Joseph Beuys (1921–1986) La rivoluzione siamo noi, 1972; Lichtpause auf Polyesterfolie 191 x 100 cm

© Georg Baselitz 2013 und Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Georg Baselitz (*1938) Fingermalerei Adler, 1972; Öl auf Leinwand 249,5 x 180,3 cm

 
Leben 2. September 2013

Königsklasse

Hofhalten auf Herrenchiemsee: Bedeutende Werke aus der Pinakothek der Moderne befinden sich bis Ende September 2013 auf einer besonderen Art der Sommerfrische.

Aus dem musealen Kontext in ländliche Gefilde: Meisterwerke von Beuys, Warhol, Flavin, Baselitz, Schönebeck, De Kooning, Chamberlain, Polke und Rainer sind in einer außergewöhnlichen Schau in Schloss Herrenchiemsee zu sehen.

Der Ort könnte nicht besser gewählt sein, ist er doch Beispiel höchster Ambitionen Ludwigs II., der ein erklärter Liebhaber der Schönen Künste war. Doch das feudale Prunkschloss, das dem Vorbild in Versailles nachempfunden wurde, blieb unvollendet. Von der Gartenseite wirkt der Baukörper wahrlich beeindruckend. Im Inneren erweist er sich jedoch – abgesehen von den ausgeführten Prunkräumen – als Zeugnis umfassenden endgültigen Scheiterns des kunstsinnigen Monarchen. Die „Utopie uneingeschränkter Schönheit“, wie sie Ludwig II. verwirklicht sehen wollte, ließ sich im Schloss Herrenchiemsee zu seinen Lebzeiten nicht verwirklichen. Der rechte Flügel, in dem sich die Ausstellung „Königsklasse“ befindet, weist im Inneren kahles unverputztes Ziegelmauerwerk mit weißen Linierungen, die den vorgesehenen Verlauf der Kamine anzeigen.

Transatlantischer Dialog

Die Vision des bei aller Romantik für Neues aufgeschlossenen Monarchen erhält mit der Präsentation deutscher und amerikanischer Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – samt einem österreichischen Exkurs – einen neuen, zeitgemäßen Aspekt. Die ausgestellten Werke stammen aus dem Bestand der Pinakothek der Moderne, dem Museum Brandenhorst sowie den Nachlässen Dan Flavins und Willem de Koonings. Der ursprünglich als eine Abfolge von Prunkräumen geplante Nordflügel hat durch die unverputzten rohen Ziegelwände einen durchaus spröden Charakter. Nichts lenkt vom Blick auf die Kunstwerke ab, die in den Ausstellungsräumen im Dialog miteinander stehen.

Im ersten Saal steht das Selbstbildnis Andy Warhols dem vierfachen Porträt Warhols von Joseph Beuys gegenüber. Damit wird diese Ausstellung von zwei Künstlerpersönlichkeiten eingeleitet, deren für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wegweisendes Werk nach wie vor für Kontroversen sorgt. Radikal in ganz anderer Hinsicht ist der zweite Saal, der Dan Flavin gewidmet ist. Die strenge Gliederung des Raumes korrespondiert mit der Installation „untitled“ (blue and red fluorescent light), 1970 aus handelsüblichen farbigen Neonröhren. Das Kunstlicht beherrscht den gesamten Raum, bewirkt zugleich eine sakrale Atmosphäre. Auch im Treppenhaus, das die beiden Ausstellungsgeschosse miteinander verbindet, entfaltet ein Werk Dan Flavins, „untitled“ (pink and ultraviolet fluorescent light), seine subtile Lichtwirkung. In Saal 3 wird an den Werken von Andy Warhol die Überhöhung von Konsumgütern und der dadurch veränderte Kontext deutlich. Das triviale Objekt wird zum Bildthema aufgewertet. Warhol hat in einem ähnlichen Prozess nicht nur die berühmte Campbells-Suppendose geadelt, er hat auch mit seinem Bild „Converse Extra Special Value“, 1985/1986, ein weiteres Produktabbild zum Kunstwerk verarbeitet. Willem de Kooning und John Chamberlain führen in Saal 4 einen intensiven Dialog: der Abstrakte Expressionismus de Koonings trifft auf dessen Skulptur „Horsepucky“. In Saal 5 ist nochmals Dan Flavin an der Reihe. Die drei Lichtinstallationen, Variationen der Auseinandersetzung mit dem Werk Vladimir Tatlins wirken durch ihre formale Strenge, mit der Flavin die Utopie des russischen Konstruktivisten umgesetzt hat.

Kraftvolle Auseinandersetzung

Die deutschen Beiträge, angefangen mit den großformatigen Bildern Eugen Schönebecks in Saal 6 weisen auf die gesellschaftspolitischen Spannungen der 1960er-Jahre. Hintergründig und dabei nicht weniger brisant ist der Saal 7: er ist Georg Baselitz gewidmet, der pointiert-kritisch etwa in seinem Werk „Fingermalerei Adler“, 1972, das kulturelle und politische Klima in Deutschland seit 1945 hinterfragt und in Skulptur und Malerei hierzu deutliche Akzente setzt.

Saal 8 ist Joseph Beuys gewidmet. Dort wird gleichsam die Essenz seines künstlerischen Schaffens gezeigt. Wie sehr Beuys als Person und dessen Werk nach wie vor polarisiert, wird an den höchst unterschiedlichen Reaktionen der Ausstellungsbesucher deutlich. Da bedarf es eingehender Erläuterungen des künstlerischen Kontexts, um manch nach wie vor ablehnende Haltung in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Auseinandersetzung damit ist jedoch ein lohnendes Wagnis: die Exponate im Saal 8 bieten hierzu Gelegenheit.

Sigmar Polke bezieht sich in seinen im Saal 9 anschließenden Arbeiten mit ornamentalen Formen, die den Stichen Albrecht Dürers über den Triumphzug Kaiser Maximilians I. entnommen wurden. Ornament und bildtragende Abstraktion stellen eine Verbindung zum schwelgerischen Ornament der Wagen des Triumphzuges her, verweisen aber auch auf die üppige ornamentale Pracht, mit der Herrenchiemsee auf Wunsch Ludwigs II. ausgestattet werden sollte. Die Vereinzelung des Motivs in den acht Schleifenbildern Polkes aus dem Jahr 1986 weist somit auf eine formale wie historische Reminiszenz.

Den Abschluss dieser Ausstellung bildet der Österreicher Arnulf Rainer. Er widmet sich in seinen Übermalungen dem Thema der Auslöschung und damit auch der Entfremdung. Die Form des Kreuzes als übermalte Variation führt in spannungsgeladene Bereiche – und ist damit fast so konträr wie der unvollendet gebliebene Prachtbau.

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