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Leben 26. August 2013

Medizinischer Datenklau

Millionen von Patientendaten werden tagtäglich nach Übersee versendet. Nur: Was hat Omis Diagnose in den USA verloren?

Die Medien berichten tagtäglich über neue Ungeheuerlichkeiten in Bezug auf die Privatsphäre unserer Patienten. War es bis vor wenigen Jahren noch den Ärzten vorbehalten, die peinlichen Diagnosen für alle gut hörbar quer durch das gesamte Krankenzimmer zu posaunen, so müssen wir nun erkennen, dass mit der Globalisierung, auch die Krankenakten globalisiert werden.

Man muss sich das in etwa so vorstellen, dass sich das Hühnerauge unserer betagten Stammpatientin nicht nur im Computersystem der Ordination oder im Datenspeicher der Krankenkasse befindet. Das Hühnerauge wandert vielmehr über den Atlantik an einen Server, der in den USA beheimatet ist. Dort angekommen gilt es als verdächtig eingewanderte Diagnose und unterliegt damit den Anti-Terror-Gesetzen. Das anonymisierte Hühnerauge wird daher umgehend unserer Patientin zugeordnet, damit sie, sollte sie selbst einmal in die USA einreisen wollen, umgehend nach Guantanamo gebracht werden kann. Man weiß ja nie.

Und das nur, weil wir unsere Patientendaten für einen guten Zweck – und gegen eine kleine Aufwandsentschädigung – mit einer seriösen Datensammelfirma geteilt haben.

Natürlich stellt sich die Frage: Wer profitiert in den USA von der Information, dass unsere Patientin ein Leiden an der Fußsohle hat? Nun, zum einen begeisterte Daten-Messis, denen es ein erotisches Vergnügen bereitet, die Krankendaten von Milliarden von Menschen zu horten und nach Größe, Farbe und Geschmack zu ordnen. Zum anderen vorausblickende Unternehmen, die erkannt haben, dass das Hühnerauge zu Geld gemacht werden kann.

Dazu muss es nur wieder über den Atlantik zu uns zurückgeschickt werden. Denn hier sitzen die für unsere betagte Patientin zuständigen Versicherungen, pharmazeutischen Vertriebe und Hühnerfarmen. Unsere Patientin bekommt nämlich ab nun zielgerichtete Werbezusendungen für Hühneraugenpflaster und Rezeptbücher für Geflügelgerichte.

Wenn dann noch ein treuer Mitarbeiter der geheimen medizinischen Datenaufbewahrungsstelle – nennen wir ihn der Einfachheit halber Dr. med. Ed Snowden –, der Meinung ist, die Weltöffentlichkeit über die Hühneraugen in Kenntnis setzen zu müssen, dürfen sich alle an der Diagnose unserer betagten Patientin erfreuen. Und so laut, wie das Whistleblowing durchs WWW schallt, können wir diese Diagnose gar nicht ins Krankenzimmer posaunen.

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