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© Matthias Hombauer (2)
Alles Handarbeit: die Wölbung der Decke wird mit Hobel und Ziehklinge in die richtige Form gebracht.

Auf dem Weg der Besserung: Decke eines Wiener Basses mit fachgerecht verleimten und belegten Rissen.

© Hans Leitner

Formvollendet und perfekt im Ton: Ein Wiener Bass aus der Werkstatt von Alex Kanzian. (3)

Die Form der Violinschnecke ist ein charakteristisches Merkmal des Wiener Basses.

Alex Kanzian flankiert von zwei Kontrabässen aus der Werkstatt des k.u.k. Hofgeigenmachers Stadelmann, Ende 18. Jh.

 
Leben 26. August 2013

Gut gebaut

Fast wäre er ausgestorben: Im Atelier des Instrumentenbauers Alex Kanzian wird der „Wiener Bass“ mit seiner besonderen Charakteristik wieder von Hand gefertigt.

Er sieht nicht nur gut aus, sondern klingt auch so. Mit handwerklicher Hingabe werden die formvollendeten Kontrabässe im sechsten Wiener Gemeindebezirk, Mariahilf, geschaffen.

Manch eine Leidenschaft beginnt schon früh. Bei Alex Kanzian war es die für den Kontrabass. Bereits als 15-Jähriger baute er sich kurzerhand einen Elektrobass, da an einen richtigen, großen Kontrabass noch nicht zu denken war. Damit war der Anfang gemacht. Der weitere Weg zum Bau eines echten Kontrabasses führte ihn im nächsten Schritt in die Lehre zum Grazer Geigenbauer Rupert Hofer. Der erkannte das Talent und das große Interesse von Alex Kanzian und nahm ihn als ersten Lehrling nach sehr langer Zeit unter seine Fittiche. Nach einem kurzen Intermezzo in der HTBLA Hallstadt führte der weitere Ausbildungsweg nach Genua zum Instrumentenbauer Gianmaria Assandri, in dessen Atelier unverwechselbare Kontrabässe entstehen. Assandri beherrscht aber nicht nur sein Handwerk virtuos, er versteht sich zudem auf die historische Öllacktechnik, mit der jener Lack aufgebracht wird, der die Oberfläche der edlen Instrumente schützt.

Formvollendet

Beim Kontrabass waren für Alex Kanzian nicht allein Größe und Form ausschlaggebend. Ein weiterer Grund, sich dieser Instrumentengattung zu widmen lag darin, dass es wesentlich mehr Geigen- als Kontrabassbauer gibt. Bei den Kontrabässen können eigene Vorstellungen in Material und Form verwirklicht werden. Geige und Cello sind im Vergleich dazu weitgehend standardisiert. Die wenigsten wagen sich dennoch an den Bau von Kontrabässen, weil die neben erheblichen handwerklichen Fertigkeiten, ein hohes Maß an Erfahrung und Platz beanspruchen. Aber nicht nur die fertigen Instrumente, auch die Formen für den Bau und das etwa fünf Jahre abgelagerte, eng und regelmäßig gewachsene Tonholz brauchen Raum.

Im Atelier im sechsten Wiener Bezirk arbeitet Alex Kanzian mit Gitarrenbaumeister Fabian Traunsteiner zusammen. Dort fand somit der von Hand gebaute „Wiener Bass“ wieder zurück an seinen Ursprung. Im Atelier werden nicht nur Instrumente gebaut. Reparaturen und Servicearbeiten an Kontrabässen und Gitarren gehören ebenfalls dazu. Gar nicht so selten landen etwa Instrumente auf der Werkbank, die durch unsachgemäße Eingriffe nahezu zerstört sind. Mit welch professioneller Hingabe und Akribie hier handwerklich gearbeitet wird, beweist ein Blick auf das Werkzeug: neben hochwertigen japanischen Stemmeisen und Handzugsägen ist auch Handwerkzeug heimischer Provenienz im Einsatz. Boden und Zarge werden aus Ahorn, Pappel, Weide oder auch Nussholz in Form gebracht. Die Decke eines Kontrabasses ist meist aus Fichte. Sie wird in der Regel vorgefräst, im Atelier jedoch handgehobelt. Die leichte Wölbung ihrer Oberfläche erhält sie mithilfe von Hobel und Ziehklinge. Ahorn aus rumänischer und bosnischer Provenienz mit seiner lebendig wirkenden Maserung ist besonders charaktervoll.

Alex Kanzian setzt beim Bau seiner Kontrabässe die traditionelle Öllacktechnik ein. Nach der Lackierung entsteht durch das Zusammenspiel von Lichteinfall und Maserung eine optische Tiefenwirkung. Hinzu kommt, dass jedes Instrument und somit auch die, aus industrieller Produktion zunächst den nötigen Feinschliff erhält, damit darauf zufriedenstellend gespielt werden kann. So bekommt jedes Instrument nicht nur über seine Form, sondern auch über Stimmstock, Steg und die Mensur, also dem Schwingen der Saitenlänge, seinen eigenen Charakter. Handgebaute Instrumente werden sogar in Maßarbeit auf jene, die sie später spielen, angepasst. Dabei geht es auch darum, ob das Instrument eher im Bereich klassischer Musik oder Jazz eingesetzt wird. Danach richtet sich die Belegung der Saiten, die in Wien vom Traditionsunternehmen Thomastik-Infeld hergestellt werden. Die Bass-Bögen in unterschiedlicher Qualität und Ausführung liefern unterschiedliche, darauf spezialisierte Hersteller.

Ein Wiener Original

Worin liegt nun die Besonderheit des „Wiener Bass“? Er ist, so Alex Kanzian, ganz anders gebaut als italienische Bässe. Die Violinschnecke hat beispielsweise eine andere Form. Zudem waren die heutzutage viersaitigen Wiener Bässe ursprünglich fünfsaitig belegt. Zur Zeit des Divertimento im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde dieser Typ des Kontrabasses, der seine Verwandtschaft zur größten Ausführung der Gambe nicht leugnet, als Soloinstrument gespielt. Die Säkularisierung unter Joseph II. bedeutete für dieses gängige Instrument in der Kirchenmusik allerdings einen herben Einschnitt. Die Anzahl der Kontrabassisten und der markanten Instrumente nahm erheblich ab. Die weitere Entwicklung von Kontrabass und Gambe verlief noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts parallel. Erst in der Zeit von 1830 bis 1870, begann sich die moderne Bauweise durchzusetzen. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert kann man folglich von „echten“ Kontrabässen sprechen. Im Gegensatz zur Geige, die sich seit etwa 200 Jahren nicht mehr wesentlich verändert hat, ist die weitere Entwicklung des Kontrabasses tatsächlich bis heute nicht abgeschlossen. Und darin liegt für Alex Kanzian der besondere Reiz dieser Instrumente.

Ein „Wiener Bass“ benötigt bis zu seiner Fertigstellung eine Menge an Erfahrung und Zeit. Etwa vier Monate oder 500 Arbeitsstunden dauert es, bis solch ein in Handarbeit gefertigter Kontrabass schließlich vollendet ist. Dass auf diese Weise nur eine sehr überschaubare Anzahl das Atelier von Alex Kanzian in der Hirschengasse verlässt, ist verständlich.

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