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Leben 12. August 2013

Willkommen zurück

Vor dem Urlaub ist nach dem Urlaub. Der Erholungseffekt verpufft oft in den ersten Minuten nach der Rückkehr. Vielleicht hilft hier ein Retard-Urlaub.

Man sollte meinen, dass Menschen, die gerade vom Urlaub zurückkehren, erholter sind als jene, die noch keinen Urlaub konsumiert haben. Dieses scheinbar offensichtliche Naturgesetz lässt sich am Flughafen jedoch nicht immer bestätigen. Mitunter findet man sogar blasse und gut aufgelegte Personen auf dem Weg zum Gate, denen braun gebrannte Ex-Urlauber mit sorgenvollem Blick und Plastiksandalen entgegen schlapfen. Die Vorfreude scheint also glücklicher zu machen als die Nachfreude.

Bei unseren Patienten wünschen wir uns das Gegenteil. Wir erwarten traurige, müde und von Leid gezeichnete Gesichter beim Betreten der heiligen medizinischen Hallen und hoffnungsvoll frohlockend tänzelnde Menschen, die uns wieder verlassen. So weit, so theoretisch. In der Praxis sehen weder die Wartenden noch die Entlassenen besonders glücklich aus der Wäsche. Den Wartenden geht es nicht besonders, da sie sich, zermürbt vom langen Warten und bangend vor den mahnenden ärztlichen Worten, etwas Schöneres vorstellen können, als hier zu sitzen; die Entlassenen sind auch nicht viel besser drauf, denn soeben haben sie sich neben einer Spritze und einer Maßregelung auch noch eine Überweisung eingefangen, die bedeutet, bald schon wieder zu den Wartenden zu gehören.

Der positive Effekt auf Körper und Psyche, den ein Arztbesuch eigentlich haben sollte, geht hier ebenso rasch flöten wie beim Urlaub. Dabei sollten wir unsere Patienten in den paar Minuten, die wir mit ihnen verbringen, doch aufrichten, ihnen Hoffnung geben und sie gestärkt ins Leben entlassen. Die Ordination als Feriendomizil. Doch ein gesunder Arzt braucht auch einen gesunden Geist und der ist wie gesagt leider irgendwo im Urlaub hängen geblieben.

So sitzen wir genauso hoffnungslos und frustriert wie unsere Patienten in der Ambulanz, ärgern uns über deren Frustriertsein und verordnen ihnen aus Rache ein paar ganz üble Lebensstil-Änderungen. Warum soll es ihnen auch besser gehen als uns.

Warum verpufft der Urlaubseffekt bereits beim ersten schiefen Blick des heimatlichen Taxilenkers, während sich das Burn-out so hartnäckig hält, uns in den Urlaub hineinbegleitet und nicht im Traum daran denkt, vor uns die Rückreise anzutreten?

Glücklich all jene, die für sich eine Retard-Form des Urlaubs gefunden haben, die mit einer Halbwertszeit von mehreren Monaten über das Jahr drüber hilft. Noch glücklicher all jene, die eine Retard-Form des Lebens gefunden haben, die Urlaube zwar bereichernd, jedoch nicht lebensnotwendig machen. Alles nur eine Frage der Galenik.

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