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Leben 24. Juni 2013

Viagra – Wer bastelt mit?

Seit 15 Jahren gibt es für das wohl berühmteste Potenzmittel der Neuzeit „Standing Ovations“. Nun ist das Patent abgelaufen.

Die unter dem Fachbegriff „erektile Dysfunktion“ nobel umschriebene männliche Teilleistungsschwäche hat in den vergangenen Jahren für die Betroffenen ein wenig von ihrem Schrecken verloren.

Vor 15 Jahren ist eine neue Ära angebrochen, in der Männer ihr Selbstbewusstsein und Pharmareferenten ihre Beliebtheit massiv in die Höhe treiben konnten. Kaum ein anderes Medikament, außer vielleicht die Anti-Baby-Pille und eine Reihe lustiger Psychopharmaka, hat es so rasch in die Top 5 der angesagtesten Substanzen geschafft, wie – ich denke man kann getrost an dieser Stelle das ® weglassen, da der Markenname mittlerweile selbst Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch der Volksschüler gefunden hat – Viagra.

Ursprünglich als Mittel gegen Bluthochdruck gedacht, zeigte sich vorerst die Erektion nur als Nebenwirkung. Das Absurde daran: je größer diese Nebenwirkung, desto zufriedener die Patienten.

Konnten die potenzschwachen Männer zuvor nur auf gutes Zureden, Injektionen mit Haifischflossen-Püree oder das Draufbinden eines Lineals auf das beste Stück zurückgreifen, so wurde erst mit der kleinen rautenförmigen Tablette dem Wunsch nach vermehrter Standhaftigkeit so richtig Rechnung getragen. So weit, so teuer. Nun, da das Patent für Sildenafil abgelaufen ist, darf das Potenzmittel von jedermann produziert und angeboten werden. Dem gemeinsamen Basteln kleiner hellblauer Tabletten für den Vatertag steht also nichts mehr im Wege.

Damit wird auf der einen Seite das Original wohl deutlich billiger, auf der anderen Seite werden wir uns mit einer Unzahl an „Me-too-Präparaten“, sowie einem vermehrten Aufkommen von betagten Männern mit Herzproblemen und einer Schwellung in der Hose konfrontiert sehen.

Zeitschriften-Abos und Handyverträge werden künftig ihre männliche Kundschaft mit Jahrespackungen erektionsfördernder Substanzen locken, der Markt wird von Produkten, wie „Steh-bene“ oder „Schniedel-Plus“ (und ich bitte diese Wortkreationen durch die derzeitige Hitzewelle zu entschuldigen) überflutet. Damit – im wahrsten Sinn des Wortes – nicht alles an unseren männlichen Patienten hängen bleibt, müssen wir uns künftig für sie informieren, in welchen Produkten das drin ist, was hinein gehört. Denn nicht alle Im-Schritt-Macher halten das, was sie versprechen. So probieren viele Ärzte die Substanz gerne, im mutigen Selbstversuch, an sich selbst aus, wodurch sich auch die große Beliebtheit gerade dieser Ärztemuster erklärt. Den Kollegen sei jedoch zu Vorsicht geraten. Zumindest empfiehlt es sich, das Mittel erst nach der Chefvisite oder der 7-stündigen Herz-OP zu testen, obwohl auch hier Stehvermögen gefordert ist. Doch für das Wohl unserer Patienten nehmen wir schließlich vieles in Kauf. Selbstlos, wie wir sind.

R. Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 26/2013

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