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Leben 17. Juni 2013

Eingebildete Kranke

Hypochondrie gilt als die große „Nicht-Krankheit“. Dabei leiden sowohl die Patienten als auch ihre Ärzte darunter.

Ein Gesunder ist ein Mensch, der nur nicht gründlich genug untersucht worden ist, heißt es.

Ein Hypochonder wurde hingegen mehr als gründlich untersucht und dennoch wurde man nicht fündig. Schließlich sucht man nicht dort, wo etwas zu finden wäre.

So leidet ein Mensch mit hypochondrischer Störung doppelt. Einerseits unter der Krankheit, die er gar nicht hat. Andererseits darunter, nicht ernst genommen zu werden und darüber hinaus Ziel von Hohn und Spott zu sein. Witze über Hypochonder sind gemein und zutiefst verwerflich. Aber kennen Sie den? „Geht ein Hypochonder am Krankenhaus vorbei...“ (kürzester Hypochonder-Witz).

Ein Hypochonder, der etwas auf sich hält, ist medizinisch gebildet, kennt mitunter mehr Nebenwirkungen und Komplikationen als sein behandelnder Arzt, kennt auch mehr behandelnde Ärzte als sein behandelnder Arzt und umkreist die medizinischen Lichtgestalten intensiver, als ein Vertreter einer pharmazeutischen Firma.

Er sucht seinen Körper stündlich nach neu hinzugekommenen Symptomen ab und führt die Bachblüten-Notfalltropfen, den Defibrillator sowie einen Herzchirurgen stets mit sich. Ein Prozent der Bevölkerung soll darunter leiden, was ich für stark untertrieben halte.

Es gibt jedoch auch die Soft-Version der Hypochondrie, von der nicht nur die meisten Ärzte im Laufe ihrer Ausbildung, sondern auch die Leser medizinischer Ratgeber betroffen sind. Bildung macht also krank. Zumindest, wenn die Wissensquellen, aus denen man trinkt von Dr. Google stammen. Tatsächlich kann man sich, wie es so schön heißt „krank googeln“, wenn man all seine Befindlichkeitsstörungen in die Suchmaschine tippt und den Diagnosen des World Wide Web kritiklos Glauben schenkt.

Dieses Zustandsbild der „Cyber-chondrie“ ist eine hübsche Modeerkrankung, die man, so man an ihr leidet, gleich auch auf Facebook mit all den anderen Cyber-chondrikern „teilen“ kann. Eine höchst ansteckende Sache also (im ICD-10 auch als „infektiöse Hypochondrie“ bezeichnet).

Dabei schaffen sich die Ärzte selbst durchaus die Hypochonder, die sie verdienen: Mit unseren leichtfertig dahingesagten Floskeln: „Augenlid-Zucken ist ein Warnsignal“, „Jedes Wimmerl kann Hautkrebs sein“ oder „Verspüren Sie Schmerzen, so lassen Sie sie rechtzeitig vom Facharzt für unheilbare Krankheiten untersuchen“, treiben wir unsere Schäfchen geradezu in die Massenpanik.

Etwas mehr Gelassenheit und etwas weniger diagnostische Abklärung würden uns zwar für den Fall, dass wir uns irren, rechtlich in die Bredouille bringen. In den restlichen 99 Prozent aller Fälle leisten wir jedoch einen wertvollen Beitrag dazu, dass sich Menschen auch dann, wenn sie ihren Körper mal spüren, gesund fühlen dürfen.

R. Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 25/2013

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