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© W. Regal
Schlafmohn Illustration

Friedrich Wilhelm Sertürner (1783–1841)

Der erst 21-jährige Apothekergehilfe isolierte Morphium aus Opium.

 
Leben 17. Juni 2013

Das „schlafmachende Prinzip“

Am 19. Juni 1783 wurde der Entdecker des Morphiums geboren.

„Denn inwendig unter den Schlacken, da liegt die Arznei“. Diesen Satz schrieb der Arzt und Alchemist Paracelsus im 16. Jahrhundert. Damit war er vermutlich der erste, der an einen wirksamen Inhalt - eine „Quinta Essenzia“ wie er es nannte - in seinen Drogen und Arzneimitteln dachte. Die erste „Quintessenz“ – Morphium aus Opium – isolierte allerdings erst Jahrhunderte später der Apothekengehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner (1783– 1841) in Paderborn.

Auslöser für den erst 21-jährigen Apothekergehilfen, sich auf die Suche nach dem verborgenen Wirkstoff, dem „schlafmachenden Prinzip“ des Opiums zu machen, war der Vorwurf, den der Stadtphysikus von Paderborn seinem Chef, dem Hofapotheker Franz Anton Cramer (1776–1829), bereits mehrfach gemacht hatte. Regelmäßig beklagten sich Ärzte, dass seine Opiumpräparate – Opium wurde damals in erster Linie als Schlafmittel verwendet – sehr unterschiedlich in ihrer Wirkung waren. Manchmal waren sie so stark, dass sie die Patienten fast umbrachten, eine anderes mal wieder hatten sie nur ganz geringe Wirkung. Daran hatten aber weder Cramer noch sein Gehilfe Sertürner Schuld. Sie verwendeten nur beste Qualitätsdrogen und auch die Verarbeitung erfolgte äußerst gewissenhaft – „lege artis“ – nach Vorschrift. Aber jede Mohnkapsel enthielt nun einmal Opium weder in gleicher Menge noch Qualität und es gab keine Möglichkeit dies zu erkennen, geschweige denn zu beeinflussen.

Beeinflusst wurde durch diese Auseinandersetzung mit dem Amtsarzt aber der experimentierfreudige Gehilfe des Apothekers, Friedrich Wilhelm Sertürner. Er wollte den verborgenen Inhaltsstoff des Opiums, das „schlafmachende Prinzip“, wie er es nannte, ergründen. Damit hoffte er, eine bessere Dosierbarkeit der Substanz zu erreichen.

Reine Mohnsäure

Mit Cramers Einverständnis begann Sertürner 1804 im einfachen Labor der Apotheke mit seinen Experimenten. Tatsächlich gewann er nach 57 Auszügen aus dem Opium die Mohnsäure und ein farbloses Pulver, das er für das gesuchte „principium somniferum“ hielt. Versuche an herrenlosen Hunden, denen er sein in Alkohol gelöstes und mit Zuckersaft gesüßtes kristallines Pulver verabreichte, fielen je nach Dosis in unterschiedlich langen Schlaf oder verendeten im Koma, wenn er ihnen eine toxische Dosis verabreichte. Seine Arbeit mit dem umständlichen Titel „Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer chemischen Untersuchung des Opiums mit vorzüglicher Hinsicht auf einen darin neu entdeckten Stoff und die dahin gehörigen Bemerkungen vom Herrn Sertürner in Paderborn“ schickte er 1805 an das „Journal der Pharmacie“.

In dieser Arbeit wies er schon auf die praktischen Konsequenzen seiner Entdeckung hin: „... so sind alle diese Schwierigkeiten der Dosierung gehoben; der Arzt hat nicht mehr mit der Ungewissheit … zu kämpfen, er wird sich immer mit dem gleichen Erfolge dieses Mittels in Alkohol oder Säure gelöst, statt der nicht immer gleichen jetzt gebräuchlichen Opiumpräparate bedienen können.“

Die etablierten Gutachter lehnten Sertürners Arbeit ab. Was konnte schon von einem nicht akademisch gebildeten jungen, unbekannten Apothekergehilfen kommen? Angeblich fehlten auch sorgfältige Mengenangaben. Die chemische Wissenschaft spielte sich in Berlin, München oder Erfurt ab, nicht aber in einer Alchemistenküche in Paderborn. Johann Bartholomäus Trommsdorf (1770–1837) in Erfurt, einer der berühmtesten Pharmakologen dieser Zeit, der Herausgeber des Journals, druckte die Arbeit zwar, beurteilte aber das „schlafmachende Prinzip“ sehr skeptisch und empfahl in einem redaktionellen Nachtrag „die Versuche mit etwas größeren Mengen zu wiederholen“ um „manche noch obwaltende Dunkelheiten in ein helleres Licht zu setzen.“

Obwohl Sertürners Arbeit heute quasi als „Modellstudie der Arzneimittelforschung“ gilt – sie beschreibt exakt nicht nur die chemischen Eigenschaften des neuen Stoffes sondern auch ihre pharmakologische Wirkung auf Hunde – fand die Arbeit des Dilettanten aus Paderborn bei der etablierten Wissenschaft wenig bis keine Beachtung. Verärgert und enttäuscht über die Ignoranz beendete Sertürner seine Versuche mit dem Opium.

Im Selbsttest erprobt

Erst einige Jahre später, er hatte mittlerweile sein Apothekerexamen bestanden und in Einbeck eine eigene Apotheke gegründet, begann er wieder mit seinen Untersuchungen und Experimenten am Opium. Sorgfältig wiederholte er seine ersten Versuche und kam wieder zu den gleichen Ergebnissen. Diesmal wollte er aber die Wirkung des überraschenderweise alkalischen Pflanzeninhaltsstoffes – er begründete damit letztlich auch die Alkaloidchemie –, den er nach dem griechischen Gott des Traumes „Morphium“ nannte, am Menschen erproben. Sich selbst und drei kräftigen Medizinstudenten verabreichte er drei mal ½ Gran Morphium (etwa 30–35 mg). Prompt löste er damit bei sich und seinen „Versuchskaninchen“ eine schwere Vergiftung aus. Beinahe wäre seine Experiment zur Katastrophe geworden. Mit letzter Kraft – bereits „halb bewusstlos“, wie er selbst berichtete – löste er bei sich und seinen Versuchspersonen mit Essig „ein heftiges Erbrechen aus“. Der Versuch zeigte ihm aber, dass reines Morphium – auch wenn seine „gelahrten“ Kollegen das nicht glauben wollten – schon in kleinen Dosen ein „heftiges Gift“, richtig dosiert aber ein Zaubermittel ist, auf das auch heute noch kein Arzt verzichten kann.

Im Jahr 1817 veröffentlichte Sertürner seine Ergebnisse in den „Annalen der Physik“. Die Bedeutung dieser Arbeit erkannte aber auch dieses Mal kein deutscher Pharmazeut oder Mediziner. Es war der französische Chemiker Louis-Joseph Gay-Lussac (1778–1850), der darauf aufmerksam wurde. Für ihn war es die Entdeckung, nach der schon lange gesucht wurde, und er konnte nicht verstehen, dass in Deutschland dieser Apotheker mit seinen hervorragenden Publikationen unbeachtet geblieben war. Gay-Lussac sorgte dafür, dass diese „überaus wichtige Entdeckung“ Sertürners endlich auch in Deutschland gelesen und ihre Bedeutung anerkannte wurde.

Gar nicht so falsche Theorie zur Cholera

Im Mai 1817 nahm die „Sociätät für die gesamte Mineralogie zu Jena“ Friedrich Wilhelm Sertürner als Mitglied auf und im selben Jahr – vermutlich auf Betreiben Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) – wurde der Autodidakt Sertürner aufgrund der außergewöhnlichen Qualität seiner Publikation auch ohne akademische Ausbildung zum Dr. phil. promoviert. Es kränkte ihn aber dennoch sehr, dass seine Arbeit erst über den Umweg Frankreich in seinem Heimatland bekannt und gewürdigt wurde.

In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens bearbeitete Sertürner noch verschiedene wissenschaftliche Themen, wobei er sich aber zum Teil in naturphilosophischen Spekulationen verlor. Wegen seiner Theorie über die Ursache der Cholera – er sprach von kleinsten Lebewesen, die sich in feuchter Umgebung vermehren – wurde er verlacht und verspottet. Erst Jahrzehnte später entdeckte Robert Koch (1843–1910) das Kommabakterium, den Erreger der Cholera. Die vielen Schmähungen, die er im Lauf seines Lebens erfahren musste, machten Sertürner zu einem auffälligen Sonderling. Verbittert starb er am 20. Februar 1841. Gerüchte, dass der Entdecker des Morphiums auch der erste Morphinist war, sind bis heute nicht bewiesen.

Von W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 25/2013

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