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Leben 10. Juni 2013

Ich bin dann mal wieder da!

Nach Hunderten Kilometern auf dem Jakobsweg meldet sich der Autor dieser Kolumne wieder zum Dienst. Entspannter, weiser und mit größeren Füßen.

Aufmerksamen Lesern wird vielleicht aufgefallen sein, dass ich die vergangenen Wochen kurz mal weg war (und die Redaktion in der Zwischenzeit brav die vorab gekochten Kolumnen für Sie warm gemacht hat). Pilgernd auf dem Jakobsweg, nicht mit dem Auto, nicht mit dem Golf-Caddy, sondern ganz ehrlich zu Fuß. Viele Hundert Kilometer in Richtung Santiago de Compostela bei bescheidenem Wetter und gefühlten Minusgraden Ende Mai.

Meine Prognose, die ich vor der Reise an dieser Stelle zu den fußballgroßen Blasen auf den Fußballen abgegeben habe, hat sich gottlob nicht bewahrheitet. Weder die Kondition hat mich im Stich gelassen (wahrscheinlich durch das jahrelange Training in den kilometerlangen Krankenhausgängen) noch wurde ich beim stundenlangen Gehen von unsäglicher Langeweile überwältigt (wahrscheinlich durch das jahrelange Lauschen langweiliger Kongressvorträge). Und trotz zeitweise geschwollener Füße, Entzündungen und Schmerzen, für die man im Normalfall mit hochgelagertem Bein, Voltaren-Vollbad und strenger Bettruhe zu Hause bleibt, latscht man auch die nächste 30-Kilometer-Tagesetappe. Das Erstaunliche und ein wenig Absurde daran war: Trotz des interessanten Gefühls, bei jedem Schritt eine Gabel in den Vorfuß gerammt zu bekommen, hat man Freude dabei! Und: Der Fuß wird von Tag zu Tag besser. Das wirft so manche medizinische Theorie über den Haufen.

Man trifft auf viele andere Pilger, die mit den unterschiedlichsten körperlichen Beschwerden mal kontemplativ, mal fluchend, aber irgendwie doch entspannt unterwegs sind. Man schläft in Herbergen, gegen die ein 6-Bett-Krankenzimmer, wie das Crowne Plaza anmuten. Und man hat Freude dabei!

Wenn man nicht gerade – wie einige getriebene Pilger – einen Streckenrekord aufstellen möchte („Speed-Jakobsing“), geht man sein eigenes beschaulicheres Tempo, sodass die Seele, die in der hektischen Arbeitswelt kaum mehr nachkommt, Schritt halten kann. Manchmal ist man durch den Schlamm watend sogar so langsam unterwegs, dass die Seele bereits in der Pilgerherberge angekommen ist und kopfschüttelnd darauf wartet, bis auch der erschöpfte Körper das Etappenziel erreicht.

Das alles klingt nach einer Art aktivierten Masochismus, wohl durch die Dehydrierung, da man sich weigert, sein Gepäck-Gewicht noch mit einer vollen 2-Liter-Wasserflasche zu steigern. In jedem Fall ist es eine preiswerte Möglichkeit, sich, seinen Körper und andere Masochisten kennenzulernen. Mein Resümee? Probiert es aus, es lohnt sich! Und wer nach einer solchen Reisebeschreibung immer noch Lust auf diesen Weg hat, der hat ihn wahrscheinlich auch dringend notwendig.

R. Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 24/2013

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